Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 17. September 1944
Neuhaus, den 17.9.44
Lieber Bruder!
Nun habe ich schon einige Zeit nichts mehr von Dir gehört. Ich vermute, daß Du jetzt irgendwo im Einsatz steckst und deswegen keine Zeit findest zu ein paar Zeilen. Nun sorgen sich alle um Dich und Günter, der auch längere Zeit nicht schrieb. Wir wollen alle auf Gott vertrauen. Er wird uns richtig führen, auch wenn wir glauben, er habe uns verlassen. Ich helfe Dir, so gut ich kann, durch mein Gebet.
Der heutige Sonntag steht auf Anordnung unseres Erzbischofs unter dem Sühnegedanken. Wie wenige Menschen haben bisher erkannt, was das Gebot der Stunde ist, warum Gott uns so viel Leid und
Not schickt! Wenn wir uns nicht öffnen auf Gott zu, wenn wir weiter in unserer Verstocktheit und in unserem Stolz verharren, so wird sich auch an uns das Wort erfüllen, das der Herr weinend im Anblick Jerusalems sprach (Lk. 19, 42-44): „Wenn du doch gerade an diesem deinem Tage erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Es werden nämlich Tage über dich kommen, da deine Feinde dich mit einem Wall umgeben, einschließen und von allen Seiten bedrängen werden. Sie werden dich und deine Kinder, die in dir wohnen, zu Boden schmettern und keinen Stein in dir auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“ – Wir wollen nicht nur alles, auch das Schwerste, geduldig tragen, sondern darüber hinaus noch Buße tun und Sühne leisten für unsere und unserer Brüder Schuld. Vielleicht hast Du, wenn dieser Brief Dich erreicht, selbst schwer zu tragen und wirst
mir antworten: „Ich vermag kaum meine Last zu schleppen, wie soll ich da mir selbst noch mehr aufladen?“ Und doch müssen wir dies tun, tragen wir doch auch Schuld an dem Leid unserer Tage. Möge Gott uns seine Kraft schenken, das Kreuz auf uns zu nehmen und dem Herrn nachzufolgen.
Ich lebe hier noch in ruhigen Verhältnissen. Unser Dienst ist nicht sehr streng. Ich muß immer neue Lücken meines Könnens feststellen und befürchte, daß ich auf der Kriegsschule einen sehr schweren Stand haben werde. Am 10. Oktober, also schon in wenigen Wochen kommen wir dorthin. – Mir persönlich geht es gut. Ich habe hier einige prächtige Menschen kennengelernt. Jeden Samstagabend singen wir (ein Kreis der Paderb. Jug.) die Vesper in der Bartholomäuskapelle (an der Nordseite des Doms). Schon manche schöne Stunde habe ich hier verbracht im Kreis oder mit gleichgesinnten Kameraden.
Übrigens habe ich mir dreist Deine Vorschriften (H.Dv. usw.) genommen und benutze sie jetzt. Du gestattest es doch?
Ich wünsche Dir alles Gute, lieber Gisbert, und grüße Dich froh,
Dein Karl