Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 30. September 1944

Essen-Steele, den 30.9.44.

Lieber Gisbert!

Soeben kamen Deine Zeilen vom 17. d. M. hier an. Vater sprang, so schnell es sein Alter erlaubte, freudestrahlend aus dem Laden herauf, um die Freudenbotschaft zu bringen. Wenigstens wieder ein Lebenszeichen von Dir! Uns fiel allen ein Stein vom Herzen.

Du wirst sicher erstaunen, daß ich aus Steele schreibe. Ich habe einen fünftägigen Sonderurlaub bekommen. Grund: Gefährdung der bürgerlichen Existenz und Bombenschaden. Hintergrund: Silberne Hochzeit! Es sind hier in der Nacht von Samstag auf Sonntag (23. und 24.9.) gut ein Dutzend Bomben in Steele gefallen, davon einige in unserer Nähe: Das Schönscheidt’sche Haus ist hin, in der Königsstraße (bei Ruhrmann), am Kaiserplatz (bei Pauly), bei Kreilmann u. a. sind Bomben gefallen. Durch den Luftdruck sind uns einige Fenster und das Dach beschädigt worden. Es ist weiter nicht wild und der Schaden größtenteils schon behoben.

Mein Urlaub reicht bis zum Dienstag, doch rechne ich damit, daß ich eher zurückgerufen werde, da der Lehrgang auf der Kriegsschule wahrscheinlich schon in der kommenden Woche beginnt. – Dein Klassenkamerad Fritz Helle ist als Leutnant und Kompanieführer gefallen. Die Todesanzeige ist vor einigen Tagen an Deine alte Fpnr. geschickt worden. – Die Silberne Hochzeit wollen wir möglichst still feiern. Hoffentlich gelingt uns das, denn inzwischen hat es sich natürlich in Steele herumgesprochen. Wenn es nicht Backsteine regnet,

fahren wir Montag nach Neviges, um den Tag der Kriegszeit entsprechend zu verbringen. Daß wir uns auch etwas Freude an diesen Tagen gönnen, ist ja wohl nicht verboten. Schade, daß Du und Günter nicht auch hier sein können.

Ich muß schließen, denn die anderen wollen auch zu Wort kommen. Ich wünsche Dir viel Soldatenglück. Unsere Parole sei das Wort, das auf unserem Koppelschloß steht:

Gott mit uns!

Herzlichst grüßt Dich

Dein Karl

Mein lieber Gisbert! Als mit der Abendpost Dein Brief v. 17.9. Poststempel 28.9. kam, bin ich in Freudensprüngen durch den Laden gelaufen und habe gerufen „Nachricht von unserem Jungen“! Ich nehme an, daß Du jetzt in Holland stehst. Weiter alles Gute und Gott befohlen. Herzliche Grüße Dein Vater.

Lieber Gisbert!

Endlich erhielten wir Post von Dir. Ich schrieb Dir gestern noch einen langen Brief aber nach Deiner alten Feldpostnummer. Ich bin also jetzt aus dem W.E. Lager entlassen und warte täglich auf meinen Stellungsbefehl zum Arbeitsdienst. Herzliche Grüße von Fritz.

Lieber Gisbert! Eine größere Freude konnte mir keiner zur silb. Hochz. machen, als Du durch Deine beruhigenden Zeilen, haben wir doch über 4 Wochen keine Nachricht mehr von Dir. Dein letzter Brief war vom 27.8. u. heute der vom 17.9. Hoffentlich hast Du weiter Soldatenglück. Wir helfen Dir durch unser Gebet u. gedenken Deiner in Liebe. Sei weiter Gott befohlen u. herzl. gegrüßt u. geküßt v. d. Mutter.

Dieser Tage mehr.