Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 18. Oktober 1944
Essen-Steele, den 18.10.44
Lieber Gisbert!
Du hast langsam allen Grund, neidisch zu werden, denn ich bin schon wieder zu Hause. Diesmal habe ich 14+2 Tage Abstellungsurlaub bekommen, bis zum 31. d. M. Alle Fahnenjunker, die länger als 6 Monate keinen Erholungsurlaub hatten – Sonderurlaub zählt nicht -, durften in Einsatzurlaub fahren. Bei mir waren es nicht ganz 7 Monate. Nun habe ich die beiden Urlaubsseiten im Soldbuch voll. Im letzten Jahr (seit Weihnachten) habe ich somit 18 Wochen Urlaub gehabt! – Am 13. November beginnt der Fahnenjunkerlehrgang. Anfang nächsten Monats werden wir dann zur Kriegsschule fahren, vielleicht nach Bromberg. Eingekleidet sind wir schon.
Im Wohnzimmer über dem Ofen haben wir einen Platz zur Erinnerung an Günter geschaffen. Ein Bild, es hing auf Günters Stube, mit der M109, die Günter flog, darunter sein Foto, daneben sein Fliegerdolch und seine Mütze. Ehre seinem Andenken!
Fritz ist nun auch schon 8 Tage im R.A.D. Er schrieb uns noch nicht. Laut Gestellungsbefehl kam er nach Husum, der Stadt Theodor Storms.
Wo magst Du nun stehen? Seit 4 ½ Wochen haben wir keine Post mehr von Dir. – Sei unseres Gebetes gewiß.
In den nächsten Tagen gehe ich August Böhmer mal besuchen, um ihm von Dir zu berichten. Er hat sich nämlich nach Dir erkundigt. Es geht ihm jetzt sehr schlecht, wie mir seine Frau erzählte. Er empfindet es so schmerzlich, daß er jetzt nicht helfen kann, wo er gebraucht wird, und anstelle dessen sogar zur Last fällt.
Für heute grüßt Dich herzlich
Dein Bruder Karl
Mein lb. Gisbert! Gerade war Herr Bornatsch hier, um über Günter noch was zu hören. In Wehmut gedenken wir unseres so bescheidenen treuen Günters. Er war bei allen sehr beliebt. Sein Tod läßt eine große Lücke, aber wir müssen sagen, der Herr hat ihn uns gegeben, der Herr hat ihn uns genommen, der Name des Herrn sei gebenedeit. Vielleicht ist ihm viel Erdenleid erspart geblieben. – Wie wird es Dir jetzt gehen? Ob Du wenigstens Post von uns bekommst? Ich will es hoffen. Mag Dir im Übrigen keine Sorge um uns. Wir stehen alle miteinander in Gottes Hand. Es geht uns immer noch gut. Einmal wird der Krieg ja auch enden und gebe Gott, daß wir dann wieder ruhigere Zeiten bekommen.
Heute Nachmittag ging ich mit Karlh. etwas spazieren. Unterwegs begegnete uns Spenrath, der uns kondolierte u. sich nach Dir erkundigte. – Nun muß ich fürs Abendessen sorgen. Bald mal mehr. Deiner treu gedenkend grüßt Dich in herzl. Liebe, auch von Vater Deine Mutter.