Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 12. November 1944

Wilhelmsberg, den 12.11.44.

Lieber Bruder!

Lange ist es nun schon her, daß ich den letzten Brief von Dir bekam. Heute vor 8 Wochen schriebst Du die letzte Nachricht nach Hause, die wir bekamen. Wer weiß, wo Du nun stehen magst? Die Ungewißheit darüber, wie es Dir jetzt geht, was Dir widerfahren ist, könnte unerträglich werden, wenn ich nicht wüßte, daß Du wie wir alle in Gottes Hand stehst. Und ich bete viel zum Herrn, daß er Dich nicht verlassen möge, daß er Dir Kraft schenke, alles im rechten Geiste zu ertragen.

Lieber Gisbert! Eigentlich sollte ich Dir nichts von mir berichten, weil das alles so furchtbar klein ist gegen-

über dem, was Du jetzt zu tragen hast. Aber vielleicht freut es Dich zu hören, daß es mir noch sehr gut geht. Erst Ende Dezember sollen wir nach Bromberg zur Kriegsschule kommen. Bis dahin bleibe ich noch hier in Paderborn. Wie sich der Dienst für mich noch entwickeln wird, weiß ich nicht. Augenblicklich habe ich jedenfalls noch ein ziemlich angenehmes Leben. Vielleicht werde ich demnächst, wie fast alle Fahnenjunker, als Ausbilder eingesetzt.

Während der Tage, die ich jetzt zu Hause war, war ich natürlich wieder mit den Leuten aus unserem Kreis zusammen. Wir haben jetzt wieder

eine gründliche Arbeit begonnen, trotz der Schwierigkeiten, die uns Alarme und Fliegerangriffe (auch einige unserer Leute wurden in Mitleidenschaft gezogen) machen. Zu Anfang stehen eine Reihe Themen über das christliche Menschenbild, das heißt also zunächst praktisch: Tugendlehre, also die drei göttlichen und die vier Kardinaltugenden. Wir haben den Pieper dabei zu Grunde gelegt, benutzen natürlich auch noch anderes Material. Reihum bereitet sich immer einer vor, und nach Möglichkeit wird jeden Sonntag weitergearbeitet. Ich glaube, daß es eine fruchtbringende Arbeit ist und eine notwendige, denn später werden gerade wir Laien wesentlich die Träger des christlichen

Glaubensgutes sein. – Daß unser Kreis auch wesentlich Gebetsgemeinschaft ist und besonders der Brüder gedenkt, die wie Du draußen stehen in schweren Stürmen, ist selbstverständlich.

Gerade komme ich aus der Kantine, wo kath. Gottesdienst stattfand. Es waren ca. 180 Rekruten da. Wenn auch die äußeren Dinge nicht ideal waren, so ist das nicht maßgebend. Wo das Mysterium geschieht, ist sakraler Raum, ist Gemeinschaft, dort verbinden wir uns mit Gott. Man muß sich ganz besonders auf das Wesentliche konzentrieren und seine Augen halten. – Ich bin ab morgen Ausbilder bei neuen Rekruten.

Nun will ich schließen mit den besten Wünschen. Der Herr sei mit Dir!

Von Herzen grüßt Dich

Dein Karl

P.S. Anbei ein Brief, den ich von Deiner alten Fpnr. zurückbekam.