Fritz Kranz an Bruder Gisbert, 17. Januar 1942

Lieber Gisbert!

Ich habe Deinen Brief vom 12.1.42 erhalten. 5 Tage später, als Du ihn abgeschickt hast, erhielt ich den Brief. Ich danke Dir vielmals dafür. Von Mutter hatte ich schon gehört, daß Du Deine Füße erfroren hättest. Es ist ja gut, daß Du schon mal in ein anständiges Lazarett liegst. Ich kann mir denken, daß Du in Rußland viele Strapazen durchgemacht hast. Das kann ich mir denken, daß das wohltut, wenn Du mal wieder in ein frisches Bett kommst. Wie Du schriebst hast Du zwei Monate nichts mehr von zu Hause gehört. Das ist aber schade, daß Du die Weihnachtspäckchen nicht bekommen hast. Und Mutter hat Dir soviel geschickt. Hoffentlich ist der Krieg bald zuende, dann kannst Du daheim wieder genug futtern. Vielleicht kommst Du noch mit einem Trans-

port noch nach Deutschland. Mutter will Dich dann sofort besuchen gehen. Du fragst in Deinem Briefe, was ich in den Ferien gemacht habe.

Ich bin rodeln gewesen, Schlittschuh gelaufen, sogar einmal auf der Eisbahn in Essen. Das habe ich Dir schon alles in anderen Briefen geschrieben. Die hast Du bis jetzt noch nicht bekommen. Und die wirst Du auch nicht erhalten, weil die Post von Osten doch nicht zurückkommt. –

Ja und dann habe ich noch in den Ferien geschossen, Fahrrad gefahren, und im Schwimmbad in Essen war ich auch mit Karl-Heinz. Er ist ja bei Schnepers und da sind wir beide in der Mittagspause baden gegangen. Weihnachten haben wir gut umgekriegt. Wir haben Dich aber schwer vermißt. Es war nicht so schön wie sonst. Zu Weihnachten

habe ich ein dickes Heldensagenbuch in Leinen bekommen. Eine Schwarzwälder Uhr die ich selbst zusammen bauen mußte. Sie hängt jetzt im Wohnzimmer in dem einen Eckchen am Ofen, wo die beiden Stühlchen ohne Lehnen stehen. Mutter hat immer Spaß wenn sie abend die Uhr aufziehen darf. Dann habe ich ein paar neue Handschuh, ein Füllhalteretui, neue Strümpfe, einen Rollkragenpullover, einen Schlips, von Tante Nettchen einen Adler-Kalender, von Tante Aloysia einen Schlips. Jeder hat von Tante Aloysia einen Schlips bekommen. Sylvester sind wir wir wie üblich bis 12 Uhr aufgeblieben und haben uns was erzählt. –

In Latein haben wir schon seit ein paar Stunden den Cäsar. Im Deutschen haben wir augenblicklich das Lesebuch im Gebrauch. In Latein hatte ich auf dem Zeugnis ein

Ausreichend. Der Lehrer der mir einige Zeit Nachhilfe gegeben hatte staunte, daß ich doch noch ein Ausreichend bekommen hätte. Doktor Hürfeld hatte mich ja damals mittem im Unterricht herausgeholt und gesagt, ich sollte wieder am Unterricht teilnehmen.

Du wolltest wissen, was in Steele passiert ist. In der Neujahrsmesse wurd bekannt gegeben daß 22 Soldaten von der Laurentiuspfarre gefallen sind. Dann wäre noch zu sagen, daß augenblicklich viel in Steele geklaut wird. In den Ferien sagte mir einer: Ein Kaffeefräulein vom Kammerlichtspiel ist abend überfallen worden, die das eingenommene Geld zum Chef bringen wollte. Dann ist ein alter Mann bei der Wirtschaft neben Röllchen unter eine Straßenbahn gekommen. Der Mann ist nach seinen Verletzungen gestorben. Wie Günter erzählt ist in

Gelsenkirchen eine Straßenbahn in ein Schaufenster gerast. Die Straßenbahn will eine Kurve machen und entgleist wegen der hohen Geschwindigkeit. Der erste Wagen fährt in das eine Schaufenster, der ander Wagen koppelt sich los und und fährt in das nebenanstehende Schaufenster. Günter hat es selbst gesehen. Es sind keine Tote dabei gewesen. –

Ich habe Günter in den Ferien auch mal in Gelsenkirchen besucht.

Gestern bekam ich eine Karte und einen Brief von Mutter und schrieb mir daß Du lange Briefe nach Hause geschrieben hast. Sie hat mir etwas geschrieben was Du auf der Fahrt durchgemacht hast. Das ist ja allerhand! Es ist gut, daß Du jetzt in Lemberg bist. Vater hat schon nach Lemberg angerufen, ob Du noch da seiest. Man wußte aber nicht, in welchem

Zimmer Du warst. Hoffentlich bekommst Du den Brief auch. Ich will jetzt mal Schluß machen weil wir gleich Religionstunde bei Dr. Hürfeld haben. Ich bin jetzt in die Stamm HJ hineingekommen. Wir haben bloß einmal in der Woche Dienst.

Also für heute herzlichen Gruß

Fritz

 

Ich erhielt gerade diesen Brief zurück, den ich nach Lemberg geschickt hatte. Du kennst vielleicht die Hälfte, weil ich das schon in anderen Briefen geschrieben habe. Hoffentlich geht es Dir noch gut.

Für Heute grüßt Dich Dein

Bruder Fritz.