Fritz Kranz an Bruder Gisbert, 4. März 1942

4.3.42.

Lieber Gisbert!

Ich habe Deinen Brief von gestern erhalten. Heute Mittag erhielt ich den 2 Brief mit dem kleinen Päckchen. Leider war das Päcken auf und nur noch 5 oder 6 Bonbons drin. Auf alle Fälle es war wenigstens etwas. Aber das war doch nicht nötig. Die hättest Du doch lieber essen sollen als ich. Deine Briefanschrift mit den „an den wohllöblichen Herrn“, hat mich sehr geschmeichelt. Also, wie ich von Dir hörte ist der Brief von Mölders nur einen Schwindel gewesen. Die meisten wollten mir das garnicht glauben. Zu Herrn Dr. Hürfeld, der den Brief hier aufgebracht hatte, will ich gleich persönlich hingehen und ihm das mal sagen. Mutter

hat mir geschrieben, daß Du ein 10 Strophen langes Gedicht komponiert hast und mit Deinen Budenkameraden zu Ehren einer Stationsschwester gesungen habt. Karl-Heinz schrieb mir, daß er gemustert worden sei, aber untauglich für das Militär sei. – Wir hatten hier vorige Tage eine Rede von einem O’Bannführer von Halden. In seiner Rede hat er über den Hirtenbriefschreiber, er meint den Bischof von Münster, schwer gemeckert. Er sagte zb. der Bischof sei ein Landesverräter, weil seine Predigten und Hirtenschreiben sogar bis zur Front gekommen seien. Und dieselben Predigten seien in der englischen Zeitung gewesen, und es hätte darin gestanden, Deutsch-

land sei uneinig. usw.

Dann sprach er von katholischen Knierutschern und evangelischen Bauchwellendreher, was das bedeuten soll weiß ich nicht. Und stell Dir vor alle die im Saale waren haben „Bravo“ geschrieen und geklatscht. Ein paar ältere Leute sind aber vernünftigerweise herausgegangen. Ich war ganz von ne’ Ohren als ich das sah und hörte. Ich weiß, warum man solche Reden hält. Man will nur die deutsche Jugend rum’kriegen. Du weißt ja wie ich das meine.

Dann wird immer soviel über die HJ Führer gesprochen; wenn man das sieht, wie sie in unserem Alter mit Zigaretten in der Schnauze und mit Mädchen in der Stadt herumlaufen. Na, ich will ja nichts gesagt haben. Aber, wenn

das unsere Vorbilder sein sollen, dann ist die H.J. ein ganz großer „Saftladen“. –

Gestern haben wir eine Rede von unserm Lehrer gehört. Er hat über die Judenrasse gesprochen. Es waren viele Gäste aus der Stadt dagewesen. –

Ich habe augenblicklich ein sehr spannendes Buch: „Quo Vadis“ von Henryk Sienkiewicz geschrieben. Vielleicht kennst Du den Verfasser auch; aber ich habe den Namen sonst noch nie gehört. –

Anbei schicke ich Dir eine Karte von unserem Schlosse, wo ich drin wohne. Der Pfeil deutet das Zimmer an, wo ich schlafe.

Also, nochmals herzlichen Dank für die Bonbons und Briefe

Dein Bruder Fritz