Fritz Kranz an Bruder Gisbert, September 1943 (?)
Lieber Gisbert!
Da seid ihr jetzt aber schon weit im Osten. Ihr werdet wohl augenblicklich am Asowsches Meer sein. Ich habe hier einen neuen Freund bekommen der neu nach hier hin gekommen ist. Sein Vater war ein Pole, seine Mutter eine Deutsche. Der Vater hatte in Posen ein Schloß mit 8 tausend Morgen Land und 3 tausend Morgen Wald. Vater und Mutter sind aber schon gestorben und hat er jetzt Pflegeeltern. Auch eine Schwester hat er. Als der Krieg in Polen ausbrach mußten sie mit ihrem Auto nach Warschau fliehen. Nach dem Polenkrieg hatten sie ihr Schloß und das ganze Land verkauft. In Posen hatten sie nebenbei noch ein Haus mit einem großen Obstgarten. In Berlin haben sie eine Villa wo sie augenblicklich
drin wohnen. Du glaubst das vielleicht nicht. Er hat mir aber Beweise dadurch geliefert, daß er mir einen ganzen Haufen Photos gezeigt hat. Auch habe ich eine Postkarte gesehen mit dem Schloß in Posen. Ich kann es einfach nicht glauben, daß sie das Schloß verkauft haben. Sie hatten 80 Zugpferde und 20 Reitpferde. Alles ist leider verkauft. - -
Auf alle Fälle der Junge ist ein sauberer boy.
Jetzt können wir leider nicht mehr schwimmen gehen. Das Wasser ist ja bald 12°. Manche Tage hat es hier den ganzen Tag geregnet. Es sind hier augenblicklich 2 Präfeckten eingezogen und müssen die Lehrer auch mal etwas Präfeck „spielen“. Kurt hat mir aus Holland geschrieben, ob ich 16 Jahre wäre, dann wollte er mir
Zigaretten schicken. Ich habe ihm aber geschrieben, daß ich noch keine 16 Jahre wäre. Auch will er mir ein Päckchen mit Bonbons schicken. Kurt hatte 8 Tage Urlaub. Er mußte aber am 1. Oktober wieder nach Holland. Er hatte seinen Urlaub in Virsen verbracht. Unser Bäcker, der hier für uns gebacken hatte, mit Namen Kranz, ist im Osten gefallen. Ich hatte Dich ja mal früher gefragt ob er mit uns verwandt wäre. Es sind bis jetzt 10 Schüler von uns gefallen. Wir gehen jetzt oft zum Fußballspielen. Wir bekommen bald in Latein den Caesar. Hoffentlich hast Du noch zu Hause ein paar „Ponzl“ für mich über. Jetzt haben wir jeden wieder Rosenkranzandacht. Wir gehen immer noch jedem Morgen in die hl. Messe. Im Deutschen haben wir jetzt die Lectüre
„Die Jungfrau von Orleans“. –
Hoffentlich werdet ihr bald im Osten fertig. Mittags und Abends sitzen wir mit unseren Landkarten am Radio und hören ob ihr wieder vorwärts gekommen seid. Ich bin gespannt ob ihr noch vor dem Winter mit Moskau fertig werdet. Heute sind wieder Nachrichten bei uns durchgekommen, daß wieder weit über 300 000 Gefangene gemacht wurden.
Sei herzlich gegrüßt von Deinem Bruder
Fritz