Fritz Kranz an Bruder Gisbert, Januar 1944 (?)
1944
Lieber Gisbert!
Ich habe Deinen Brief vom 7.1. erhalten und danke ich bestens dafür. Du schreibst, Du hättest eine Karte vom 3.XII- von mir erhalten. Mein Gott, was ist die lange unterwegs gewesen. Du schreibst etwas von meiner Erkrankung. Ja, ich habe für 10 Tage mal im Revier gelegen, weil ich eine Nierenentzündung hatte. Danach bekam ich 4 Tage Genesungsurlaub. Ich habe nach der Karte noch 2 Briefe geschrieben die Du schon bestimmt haben müßtest. Die Schrift in den beiden Briefen mußt Du entschuldigen denn die hatte ich abends nach dem Alarm geschrieben, als ich schon ziemlich müde war. –
Sehr wahrscheinlich komme ich im April zum Arbeitsdienst; nächste Tage muß ich schon zur Musterung. Vorige Tage
hat unsere Batterie wieder 53 Lw.-Helfer zugeteilt bekommen. (Jahrg. 1928) Die Hälfte von diesen boys ist von der Kl. 5 die anderen Kl. 6. Die meisten hiervon sind so groß, daß sie mir gerade bis zum Koppel gehen. Ich weiß garnicht was wir damit machen sollen. Am Geschütz können wir sie nicht gebrauchen, dafür gehen die Handräder, die bedient werden zu schwer. Bis jetzt haben wir aber noch keinen Platz wo sie schlafen könnten; daher müssen sie jetzt 14 Tage lang zum Schlafen nach Hause gehen. Anfang Februar werden nämlich die Jungen des Jahrg. 1926 als Lw.-H. entlassen und kommen zum Arbeitsdienst. Dann gibt es wieder Platz. Vorige Woche kamen unsere Geschütze [.?.] weg zur Ostfront, weil wir Kanonen mit Kreuzlafetten hatten
und bekamen dafür Geschütze mit Rundsockel: (8,8 cm) Früher hatten wir 6 jetzt aber 8 Geschütze. – Na, jetzt habe ich den Brief bald fertig und Du weißt immer noch nicht daß ich augenblicklich Urlaub habe und zwar 16 Tage. Tante Nettchen ist gestern auch zu Besuch gekommen. Sie staunte auch wie groß ich bin. 3 Tage Urlaub sind jetzt auch schon um. Die Zeit vergeht ehe man sich versieht. Dein Manuskript „Geist und Blut“ werde ich nächste Tage auch mal lesen.
Herzliche Grüße
Fritz
Lieber Gisbert!
Deinen lb. Brief vom 11.[.?.] erhalten. Du spannst uns auf die Folter mit Deinen Andeutungen über Vorkommnisse die vielleicht Deine ganzen Zukunftspläne über den Haufen werfen. Du hattest vor Deiner Reise nach Brüssel schon Andeutungen gemacht und wolltest uns nach der Reise die
Neuigkeiten mitteilen. Wir warten bis jetzt mit Spannung darauf. Ich habe schon nachts stundenlang darüber nachgedacht, was es wohl sein könnte, ob es Deine militärische Laufbahn betrifft oder Deine Berufswahl. Vater meinte, das erstere könne es nicht sein, weil Du noch schriebst, daß Du zum nächsten Fahnenjunkerlehrgang kämest. Ist es denn eine Sache, die Deine Berufswahl angeht? Sei doch so gut und schreibe uns darüber bald Nachricht. Gott möge alles zum Besten für Dich lenken. Ich habe in letzter Zeit besonders viel an Dich denken müssen, besonders auch nachts und oft kam mir dann der Gedanke, wie gerade Du der Kirche dienen könntest mit all Deinen Dir von Gott gegebenen Geistesgaben. Wo Du geistig so rege bist würde Dir nach meinem Dafürhalten der Verzicht auf Ehe und Familie gerade deswegen später nie so schwer werden, kann ich mir für Wissenschaftler doch die Verpflichtung der Familie gegenüber eher als Hemmnis im Fortkommen u. Arbeiten denken. – Tt. N. liest gerade Dein Manuskript, Geist u. Blut. – Ich spreche natürlich nicht mit ihr über die Dinge dieses Briefes. Gott segne Dich u. sein Geist erleuchte Dich. In [.?.] Liebe herzl. Grüße, auch v. Vater u. Tt. Nettchen
Deine Mutter.