Berta Kranz an Sohn Gisbert, 5. November 1940

Essen-Steele, 5.Nov. 1940

Mein lieber Junge!

Als wir uns gesternmorgen verabschiedeten, mußte ich wahrnehmen, daß Du gewisse Schwierigkeiten hast u. da möchte ich Dir als liebende u. besorgte Mutter helfen, so gut ich kann. Ich habe sehr bedauert daß Du mir nicht eher davon gesprochen hast, h#ten wir dann doch in Ruhe einmal alles überlegen können. Nun mußich Dir meine Meinung und meinen Rat schriftlich geben, und ich bitte Dich, alles wohl zu beherzigen. Zunächst möchte ich Dir sageb, daß ich glaube, daß Du zum Priesterstand von Gottberufen bist. Es war Deine Neigung von Kind an, Gott am Altar zu dienen un ich meine, Gott hat Dir bestimmt auch alle Fähigkeiten verliehen, die dieser Beruf voraussetzt und Gott wird Dir auch weiter seine Gnaden nicht vorenthalten. Diese schließt nicht aus, daß große Schwierigkeiten sich einstellen können, sodaß Du vielleicht seelisch darunter leidest u. manchmal Zweifel an Deiner Berufung in Dir sich regen. Lieber Gisbert, daß kann Dich nur stählen und im Charakter festigen, wenn Du alle Versuchungen dieser Art, ob sie nun auf sexualem Gebiet liegen oder anders begründet sind, wenn Du da eisern festhälst an Deinem Dir vor Augen stehendem Lebensziel. Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir opferstarke, von tiefer Gottes und Nächstenliebe erfüllte Priester. Ich kann mir denken, lieber Gisbert, wie gerade Euch der Teufel mit Verführungen aller Art quält und Euch Euren hehren u. heiligen Beruf abspenstig machen (würde)möchte, wenn er nur könnte. Ich kann mir schlecht vorstellen, lieber Junge, daß Du ernste Zweifel an Deiner Berufung hast. Sollte das aber

der Fall sein, dann prüfe Dich gut, überlege mit Deinem Seelenführer, bete vor allem recht innig um Erleuchtung. Sei versichert, daß wir Dir nie zum Vorwurf machen würden, solltest Du einen andern Beruf wählen, denn so glücklich wir uns schätzen würden der Gnade, einen unserer Söhne Gott zum Priesterstande zu weihen, so untröstlich würden wir sein, sollte die Wahl des Berufes auf einem Irrtum beruhen. Du weißt lieber Gisbert, daß wir Dich nie zu diesem Beruf gedrängt haben, vielmehr haben wir Dir oft genug alle Schwierigkeiten dieses Berufes vor Augen gehalten. Es kommt im Leben nie darauf an, wo man dem Herrn dient, aber darauf kommt es an, daß man ihm voll u. ganz dient. In jedem Berufe kann man heilig werden. Zum Schluß kann ich Dir aber nur sagen, ich glaube, daß Deine Sorgen und Schwierigkeiten nicht zuletzt einer körperlichen Abstammung u Nervösität entsprießen. Die ewigen nächtlichen Ruhestörungen dazu das aufregende Studium vor dem Examen tragen das Ihrige dazu bei, dabei bist Du körperlich an sich schon nicht der Stärkste. Also Kopf hoch, lieber Gisbert! Behalte frohen Mut und unerschütterliches Gottvertrauen! Ich bete u. opfere viel für Dich und empfehle Dich täglich ganz besonders der lb. Gottesmutter der ich Dich schon als kleines Kind bereits vor der Geburt besonder anvertraut habe. Ich weiß nicht, ob Du das schöne Gebet kennst „Jungfrau Gottes Mutter mein“ u.s.w. dieses bete doch täglich oder das „Gedenke o gütigste Jungfrau“ oder „Hilf Maria, es ist Zeit.“ Und erwecke [??] doch tagsüber oft ein kleines Stoßgebetchen, besonders in Versuchungen. Und dann gehe viel spazieren, auch das stählt und stärkt die Nerven. Nun kämpfe mutig weiter und sei tapfer.

Es denkt treu an Dich und unterstützt Dich im Gebete so gut sie kann

Deine dich liebende

Mutter