Berta Kranz an Sohn Gisbert, 5. März 1943
Steele, d. 5. März 1943
Lieber Gisbert! Heute morgen kamen Deine lb. Zeilen und wir würden uns freuen, könntest Du in 3 Wochen noch für einige Tage bei uns sein. Von Karlheinz kam gestern ein langer Brief, den er auf der Fahrt zum Osten an uns schrieb. Er bat uns dir auch darüber zu schreiben, da sie ja auf der Fahrt nichts abschicken dürfen. Der Brief war am 2.3. in Dessau abgestempelt. Sie sind am 28.2. (sonntags) morgens abgefahren, nachdem sein Kamerad ihn noch freitags abends unser Paket hat überbringen können. Wie froh bin ich, daß er da noch allerlei Gutes erhielt als letzten Gruß von der Heimat vor der Abfahrt. Er hat leider alles schnell vertilgen müssen, da die Zeit zu knapp war. Er hat sich riesig gefreut über all die guten Sachen. Er läßt sich bei Dir bedanken für Deine letzten Zeilen. Er schreibt wohlgemut und wird er nun auf der Fahrt sich besonders Deiner erinnern, da Du im Herbst damals Deine Fahrt zum Osten angetreten warst. Er kommt jetzt in den Regen u. Schlamm
des dortigen Frühlings. Er schrieb, sie gehören nicht zum Ersatz, sondern zu der aktiven Einheit. So wird er wohl gleich zum Einsatz kommen und wollen wir viel für ihn beten. --- Hier mußte ich abbrechen
Samstag, d.6.3.43 War das eine Schreckensnacht! Wieder ein Großangriff auf Essen! Schlimmer als damals. Essen soll nun noch schlimmer wie Köln aussehen. Auch Steele war ein Flammenmeer. Überall Brände, besonders auch in unserem Wohnviertel. So ist das Haus neben Salberg fast ganz ausgebrannt, ebenso Kammann, dann das Geschäft 2 Häuser daneben und so Dutzende anderer Häuser hier. Es war ein [??] und Funkengestöber überall. Es fiel ein Regen von Spreng- u. Brandbomben sodaß die Leute kaum wagen konnten, aus ihren Kellern herauszukommen. Und daher die großen Brände überall. Es wurde ja auch im Radio von großem Schaden in Essen gesprochen. Es muß furchtbar in Essen aussehen. Wir hatten wieder Glück und haben wir nur
2 Brandbomben gehabt, die schnell gelöscht waren und zwar oben im Lagerzimmer, wo man vor [??] kaum hereinkonnte und unten im Ladenportal. Im Lagerzimmer war die Bombe durch 2 [???]kessel geschlagen und die dritte war ein Stück eingesunken. Wir hatten bestimmt Glück, wenn auch die Schaufenster wieder kaputt waren, andere haben bedeutende Schäden. Günter kam gestern Abend gegen 7 Uhr an und war seit 3 Uhr nachts unterwegs und das war nun sein Empfang in der Heimat. Er hatte gebadet gegessen und nachdem wir gespült hatten wollten wir so recht gemütlich erzählen und Fritzchens Namenstag noch etwas feiern da ging der Alarm schon los. Es war unheimlich da keine Pause zwischen den Bombenwürfen waren die in Massen fielen. Bei Krupp soll ein ganzes Munitionslager getroffen und explodiert sein. Die Betriebe arbeiten fast nirgends wegen allgemeiner Schäden. Straßenbahnen fahren nicht schon den ganzen Tag, sie sollen teils ausgebrannt in den Straßen
liegen, auch sollen viele Züge ausgebrannt sein. Ich kann dir nicht alles schreiben, man ist total erledigt. Bei Dr. Gaillard lag ein toter Pilot im Garten. Es sind viele Flugzeuge abgeschossen und sollen oben im [???] allerlei Überbleibsel liegen. Auch wo Stuttkassen [??] wohnt lagen viele abgeschossene tote Flieger teils noch im Fallschirm. – Überall hängen Plakate die Bevölkerung soll die Ruhe bewahren. In Steele sind sehr viele Obdachlose von dieser Nacht und wir rechnen damit, daß wir stündlich welche zugewiesen bekommen können. Wir sehen schon vom Speicher aus überall brennende Häuser und oben, es ist schon abend, kommen noch Feuerwehren aus Hagen nach Essen zum löschen. In Essen ist kein Gas und wenig Wasser, sodaß löschen schwierig war. Wir haben noch die Nacht um 1 Uhr aus Dank gebetet, daß wir so gnädig beweahrt wurden. Nachdem wir für die Nacht Ordnung wieder hatten haben Fritz u. Günter bei Salberg gelöscht, noch stundenlang. Sie kamen rußgeschwärzt und total naß und verdreckt zurück. Fritz ist mit den Nerven arg herunter. Ich schließe für heute mit besten Grüßen
Deine Mutter