Berta Kranz an Sohn Gisbert, 13. März 1943

E.Steele, d. 13.3.1943

Lieber Gisbert!

Deinen lb. Brief haben wir erhalten. Letzte Nacht (abends) war schon wieder ein Angriff auf Essen und haben wir wieder 2 Std. im Keller gesessen. Am Donnerstag war ich in Essen, da ich zur Handwerkskammer mußte. Es ist ein erschütterndes Bild und nicht zu beschreiben. Tausende zerstörter Häuser. Es steht höchstens noch ¼ der Innenstadt, die Münsterkirche, die Gertrudiskirche, Marktkirche stehen nur als Ruinen, auch in anderen Stadtteilen, auch besonders Essen West hat viel abbekommen. Krupp muß zu 45% zerstört sein. Auch letzte Nach muß es dort wieder schlimm gewesen sein. Der Himmel war rot von Bränden. Im Wehrmachtsbericht kam der gestrige abermalige Angriff auf Essen heute durch. Was soll das noch werden. Wir müssen täglich auf das Schlimmste gefaßt sein. In Essen ist ein unbeschreibliches Elend. Es sollen 300 000 Obdachlose sein, die dauernd mit Sonderzügen verschickt werden. Auch täglich Sonderzüge mit Kindern u. Erwachsenen, die nicht durch Arbeit an Essen gebunden sind. Es kamen sogar Lautsprecherwagen auch durch Steele zum Aufruf, Essen zu verlassen. Du kennst Essen nicht mehr wieder, wenn Du kommst. Auf der Bahnstrecke von Steele nach Essen liegen Dutzende total ausgebrannter Züge, in Essen sieht man überall ausgebrannte Straßenbahnen. Stellenweise ist kein Wasser, kein Gas oder [???]

in Essen. Soldaten sagen, Stalingrad habe nicht schlimmer ausgesehen und Essen sehe aus als ob es 14 Tage von schwerer Artillerie beschossen worden wäre. In den ersten Tagen stand in der Zeitung bis jetzt seien 304 Tote, doch rechne man mit vielen Opfern, die vermißt und wohl unter den Trümmern liegen. Schlimm sieht auch die Essener Straße aus. Vom Steeler Tor bis Huttrop stehen hunderte zerstörter Häuser. Der Arbeitsdienst von Xanten und Wuppertal sind eingesetzt. Der Verkehr geht mit Omnibussen teils wieder. Die Schulen sind alle geschlossen.- Wir haben jetzt einen kaum zu bewältigenden Betrieb im Geschäft durch Bombengeschädigte und bekommen wir Mengen an Ware dafür. Gestern bekamen wir einen ganzen Eisenbahnwaggon voll Ware für unser Geschäft und war das eine Menge Arbeit. Günter u. Fritz haben fleißig mitgeholfen. Wie die Zeitungen berichten war das in Essen der schlimmste Angriff, der bisher in Deutschland gewesen ist. Heute hatten wir auch schon mehrfach Alarm und Schießerei [??]. Wir sind alle im Schlaf so zurück, dabei immer viel Arbeit. Am Dienstag nur nachts 5x Alarm und man steht doch jetzt auf und kann nicht weiterschlafen wie früher nach dieser Nacht. Ich denke, daß Du heute in 14 Tagen kommst, ist dann doch der 27. März. Montag habe ich bei allem noch große Wäsche. Wie froh bin ich, wenn die glücklich vorbei ist. Man ist ängstlich was auf den Speicher zu hängen. Übrigens kannst Du Karlheinz noch an die alte Anschrift schreiben. Schrieb er doch die Adresse bliebe dieselbe. Schreib ihm sofort mal. Wo mag er wohl sein?

 

Auf Deinen Brief und Briefe komme mal mündlich zu sprechen, da mir jetzt die Zeit fehlt.