Berta Kranz an Sohn Gisbert, 4. Januar 1944

E. Steele, d. 4.Jan.1944 abends

Mein lieber Gisbert!

Vater ist zum Kegeln, - gerade wieder Alarm, wie so oft jetzt – tagsüber, abends und auch nachts. Ich will etwas mit dir erzählen und dir vor allem mitteilen, wie sehr wir uns über die feine Arbeit „Geist und Blut“ von dir freuen. Das Manuskript erreichte uns gestern mit deinem lb. Brief, für den wir herzlichst danken. Ich saß sehr in der Arbeit durch die Wäsche und war ich aber begierig, am Abend mich in dieses Manuskript zu vertiefen. Am Spätnachmittag habe ich es dann mit Muße gelesen und bin stolz auf meinen Jungen, der in so feiner Weise über die christlichen Grundsätze und Weltanschauungen schreibt. Ich gratuliere dir zu der so wohlgelungenen Arbeit, die es wahrlich verdient, in Druck zu erscheinen. Auch Vater hat noch mir gestern Abend noch deine arbeit gelesen und war auch voll des Lobes und der Anerkennung. Als ich heute früh um 5 erwachte habe ich noch mal deine ganze Arbeit überdacht und du glaubst nicht, wie ich mich mit dir freue, daß du all diese Gedanken so fein formulieren konntest. Es steckt viel Geist in deiner Arbeit. Karlheinz wird sich recht sehr darüber freuen. Ich werde sie gut aufheben und in mein Luftschutzgepäck tun, welches ich notfalls mit in den Keller nehme bis Karlheinz kommt. Diese deine Arbeit hat auch den Vorzug, von jedem verstanden zu werden. Wenn doch diese christliche Lebensauffassung von allen erkannt würde! Viel Schmerz ließe sich leichter ertragen und mit mehr Mut würde man den Kampf mit dem Leben aufnehmen.- Du hast die Disposition für die Arbeit klug zusammengestellt. Lieber Gisbert! Ich bin heute Abend wieder reichlich müde und ich bin nicht imstande, im einzelnen auf diese Arbeit einzugehen.

Ich wollte dir noch so manches schreiben darüber – wir wollen im nächsten Urlaub darüber uns mal eingehend unterhalten. – Vater meinte, er glaube sicher, daß du doch Priester

werden würdest. Ich bete immer nur, daß Gott dich den rechten Weg führen möge und bin überzeugt, daß du, in welchem Beruf es auch sein mag, ihm stets ein treuer Diener sein wirst, der sich immer für Seine Ehre einsetzen wird. – Als ich im Urlaub Karlheinz davon sprach, daß du noch nicht so gefestigt bist in deiner Berufswahl, war er sehr erstaunt und konnte es nicht glauben, daß du noch Zweifel hast an deinem Priesterberuf. Du hättest, auch nach meinem Dafürhalten, Anlagen genügend, ein guter Apostel Christi zu werden. Wenn du aber wegen persönlicher Schwierigkeiten (wobei das Zölibat gewiß keine kleine Rolle spielt) noch nicht ganz klar dich entscheiden kannst – so ist das ja im Augenblick nicht weiter wichtig. Gott wird dir schon beizeiten die volle Erkenntnis geben wofür er dich haben will – und daß du da klar sehen mögest, darum bitte ich ihn - nicht, daß du unbedingt Priester werden sollst – obwohl das –vorausgesetzt das es dein Beruf ist – mein höchstes Glück bedeuten würde. – Ich schrieb dir kürzlich ja noch, wie ich besonders am Priestersamstag für dich besonders inständig bete und mir besonders Opfer auferlege – zu deinem Gunsten [??]. - - - -Hier ist Herr Keeder auch gestern gestorben. Man hat ihm das 2. Bein auch abnehmen müssen und er ist einige Tage darauf gestorben. Er ist 40 Jahr nicht mehr zur Kirche gegangen und man bemühte sich, ihn zur Kirche zurückzuführen. Ob mit Erfolg, weiß ich nicht. Jedenfalls war er ein anständiger Mensch. – Gestern überwies man von Danzig Geld für dich. Geht das in Ordnung? Ich denke, du bist nicht mehr in Feldherrnhalle. Ich lege den Schein bei. – Dann füge ich einen Bericht über Karlh. Division bei, den die Steeler Ztg. kürzlich brachte. – Vielleicht interessiert dich auch der andere Zeitungsauschnitt über Hölderlin. – Einen Brief von Ferdi Frölich schickten wir dir auch noch. Er schrieb uns, wie man seine Verlobung beim Militär noch gründlich feierte. – Daß der Schneider Kopfhammer gefallen ist, schrieb ich dir schon. Auch der Schneider Meyer, Humannstr., ist gestorben. Und nun, mein lieber Gisbert, wünsche ich dir eine gute Nacht. Gott und die allerseligste Jungfrau mögen dich sehr beschützen. Es grüßt dich herzl.

Deine Mutter