Berta Kranz an Sohn Gisbert, 10. Oktober 1944
2. alter Brief mit Bericht über Günters Tod und Begräbnis.
d.24.April 46. Inniger Gruß und Kuß Mutter.
E.Steele, den 10.Okt.1944
Mein lieber Gisbert!
Die Karte, auf der ich dir die traurige Mitteilung von Günters tötlichem Unfall mitteilte, hast du gewiß erhalten. Ich schrieb die Karte im Zuge auf der Fahrt nach Nürnberg, wo Vater Fritz und ich zur Beerdigung hinfuhren. Es ist ein harter Schlag für uns alle und man kann es immer noch nicht fassen, daß unser immer so bescheidener treuer Günter nun nicht mehr lebt und daß er ausgerechnet an unserem silb. Hochzeitstag sterben mußte. Nun liegt er bereits mehrere Tage unter der Erde. Die Nachricht von seinem Tode hat auch dich wohl hart getroffen. Wir wollen Kraft aus dem Glauben schöpfen und uns in Gottes hl. Willen ergeben und Günter unsere ganze Liebe erzeigen, indem wir viel für ihn beten und opfern. Es war gut, daß wir unseren Hochzeitstag in Neviges verbrachten und Günter hat unser Gebet für ihn doch sicher Segen gebraucht in seiner Sterbestunde, die nachmittags am 2. Okt. zwischen 5-6 Uhr war. Als wir am Donnerstag, den 5. Oktober durch die [???] das Telegramm mit der traurigen Nachricht erhielten, konnten wir es einfach nicht fassen. Das Telegramm war 2 Tage unterwegs und die Beerdigung sollte schon am 5. sein. Im Telegramm stand, sie erbäten umgehend Nachricht, ob jemand der Angehörigen zur Beerdigung käme und wollten sie notfalls die Beerdigung etwas aufschieben. Auch stand im Telegramm, daß die Überführung der Leiche nach einer neuen Bestimmung wegen Transportschwierigkeiten nicht möglich sei. Das war uns sehr schmerzlich aber wir wollen auch dieses Opfer zu den vielen anderen Kriegsopfern hinnehmen. Es besteht die Möglichkeit erst nach dem Kriege, Günter heimzuholen. Du wirst verstehen, wie sehr uns die Nachricht erschüttert hat. Nun war jede Verbin-
dung mit Nürnberg unmöglich. Oberstltn. Groß war noch persönlich hier und hat alles versucht, aber da gerade ein schwerer Angriff auf Nürnberg geschehen war, konnte auch die Militärleitung nicht benutzt werden. Wir sind dann kurzentschlossen mit der nächsten Fahrgelegenheit (nachm. ½ 4 Uhr) nach Nürnberg gefahren, Fritz war auch mit, und kamen nach 21 Stunden endlich am Zielort an. In Nürnberg mußten wir noch lange an der Auskunftstelle warten, die die nächste Verbindung nicht bekommen konnte u. so war ein langes Warten für uns, wußten wir doch nicht, ob Günter nicht doch schon beerdigt worden war, und wo es war. Wir fuhren dann noch 1 Stunde nach Roth, kamen 20 Min. vor der Beerdigung an, wo Günter nun auf einem Ehrenfriedhof mit noch manchen Fliegern begraben liegt. Günter ist in Roth bei einem Übungsschießen auf die Zielscheibe mit seiner Me 109 tötlich verunglückt. Es war sein letzter vorgesehener Start vor seiner Aufstellung zum E Haufen, wohin er anderen tags kommen sollte. Seine Mitkameraden sind anderen tags abgestellt worden. Günter hatte tags zuvor auch eine kritische Notlandung gemacht, aber noch glücklich überstanden. Fritz will dir darüber wie auch über die anderen Umstände beim tötlichen Abflug schreiben. Günter war sofort tot, hatte eine Stirnwunde und das Kinn war eingedrückt, ein Fuß und alle Rippen gebrochen. Er hatte 450 km auf der Maschine u. war er zu steil abgeflogen aus 300m Höhe und hat auf Notsignale, worauf er abfliegen sollte, nicht reagiert. – Es war wohl so für ihn bestimmt u. ein Glück, daß wir seiner an dem Tage noch so gut in Neviges gedachten. Das Begräbnis war würdig aufgezogen. Vater u. ich gingen noch schnell vorher beim kath. Pfarrer vorbei um zu hören, ob er auch kirchlich beerdigt würde, das war aber schon vorgesehen. Eine Ehrenkomp., eine Militärkapelle war da und sogar eine Reihe jg. Mädchen, anscheinend vom Kirchenchor, sangen am Grabe unter Leitung des [??Kaplans??]. Der Pfr. hielt noch
eine Ansprache. Ich hatte ihm kurz gesagt, daß Günter am Tage unserer silb. Hochz. verunglückt sei u. auch, daß Günter noch kürzlich geschrieben habe, daß er immer vor dem Start sein Morgengebet bete u.s.w. Der Pfr. erwähnte das noch in seiner Rede. Der Hauptmann sprach auch kurz. Die Ehrensalve wurde geschossen, Flieger surrten [??] über das Grab und dann war der traurige Akt zu Ende und unser guter Günter ruht in der Erde. Wir haben ihn nicht mehr sehen können. Anderen morgens hat der Pfr. auf meine Bitte hin noch die Exequien gehalten. Nach der Beerdigung konnten 6 Kameraden von Günter, die bis vor 6 Wochen immer mit ihm zusammen gewesen waren, noch den Nachmittag bei uns bleiben um uns von Günter zu erzählen. Wir haben dann zusammen Kaffee getrunken und wir hörten, wie beliebt Günter bei allen war. Günter hatte 3 große Kränze, von seinem Geschwader, seiner Staffel u. von den Fliegern seiner Gruppe. Die Leute aus dem Ort, der 7-800 Einwohner zählt waren überaus teilnehmend u. entgegenkommend. Der Pfr. hatte uns selbst ein gutes Quartier besorgt. Überall herzliche Anteilnahme. Schon morgens in der Frühe hatte der Pfr. gesagt, ein verunglückter Flieger würde nachm. beerdigt u. es kamen viele Leute zum Begräbnis u. alle kondolierten uns, versprachen das Grab zu schmücken, brachten uns Blumen für Günter usw. Am Abend u. auch anderen morgens gingen wir noch mal zum Friedhof. Günters Grab war schön geschmückt und es standen wieder 2 Sträuße frischer Blumen da. Die Kameraden von Günter wollen Aufnahmen vom Grabe machen und uns zuschicken. Auch die Friedhofsgärtnerfrau versprach, das Grab zu photographieren und zu schmücken. Günter liegt auf dem Ehrenfriedhof des Kirchhofes, wo die Krieger und viele Flieger liegen. Die Gräber sind alle schön geschmückt. Samstagmorgen fuhren
wir dann nach Raitersaich, einem Dorf hinter Nürnberg von nur 20 Häusern. Dort lag Günters Flugplatz u. Einheit und waren die Unterkünfte alle im [???] eingebaut. Dort wurden wir vom Hauptmann begrüßt, der sich lange mit uns über Günter unterhielt u. Günter als Elite seiner Leute schilderte. Er sei der geborene Jagdflieger gewesen und ein Soldat erster Güte, als Kamerad vorbildlich. Er schilderte uns die Einzelheiten des Absturzes, auch vom vorigen Tage, daß Unglücke passieren dort sehr viele. In der einen Woche waren allein 6 aus Günters Gruppe tötlich verunglückt beim fliegen. Tags bevor Günter starb, verunglückte auch einer aus seiner Stube tötlich, mit dem Günter schon von Anfang an (Bretagne) zusammen gewesen war. Das alles mag Günter wohl zugesetzt haben, daß seine Nerven durchgingen. Auch hatten wir ihm durch die [??Partei?? wie oben] ein Telegramm wegen unseres Bombenschadens zugeschickt u. anscheinend hat er sich doch gesorgt u. den Schaden für größer gehalten. Wir hatten stündlich gehofft, daß er käme, aber es ging wegen der Grundausbildung nicht. Als wir am Sonntag nach Hause kamen war bei der Post auch Günters Gratulationsbrief zur silb. Hochz. Er schrieb da, er habe abends zuvor das Telegramm erhalten. Er dürfe leider nicht kommen. Dann meinte er, wir hätten wohl ein trauriges Fest, womöglich noch bei fremden Leuten u. ob wir selbst doch hoffentlich nichts abbekommen hätten. Der arme Junge hat sich um uns gesorgt u. es war gar nicht so schlimm mit unserem Schaden. Es ist fast alles wieder heil. Ich hatte ihm auch sofort damals auf dem Angriff brieflich genau über die Schäden geschrieben, aber die Post läuft jetzt so lang u. er hat die Sorgen nun mit ins Grab genommen. All diese traurigen Umstände mögen sein Unglück gefördert haben. Seine Kameraden sagten zwar, er habe sich über das Telegramm gar nicht aufgeregt. Wie es auch war, es war wohl alles so Gottes hl. Wille u. wir wollen uns ihm in Demut beugen, so hart es auch ist. Die Reise war eine große Strapaze für uns, aber wir sind froh, daß wir noch mal bei G. sein konnten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Wir haben Günters Stube gesehen, den Flugplatz, die Maschine Me109 genau beobachtet auch in der [???…] seine Kameraden getroffen, die alle sehr Günters Tod beklagen. Nunmehr bleibt uns hier das letzte traurige zu tun, um die Mitwelt und alle Bekannten zu benachrichtigen.
Das Seelenamt u. die Exequien finden am Montag, den 16. Okt. ¼ 9 Uhr, das Sechswochenamt am 5.12. u. das 1. Jahresamt am Todestage, den 2. Okt. 45. Gestern haben wir Annoncen, Anzeigen u. Todeszettel ganz schlicht aufgesetzt. Auf den Totenzettel kommt sein Photo. Wir können es immer noch nicht fassen, daß unser guter Günter nicht mehr wiederkommt.
Fritz hat sich seinen Urlaub, auf den er sich so sehr gefreut, anders vorgestellt.Erst eine Woche sehr viel Arbeit durch den Bombenschaden, dann Günters Tod mit all dem Leid u. Sonntag lag gleich bei unserer Rückkehr der Gestellungsbefehl für ihn da und ist er gleich nach Husum in Holstein zum R.A.D. gekommen u. hat so die 3. Nachtfahrt in einer Reihe. Wie mag es dir, lb. Gisbert inzwischen ergangen sein? Wir beten treu für dich und hoffen, bald mal ein Lebenszeichen von Dir zu erhalten. Ich segne dich, mein lb. Junge u. grüße Dich in herzl Liebe, auch v. Vater,
deine Mutter