Berta Kranz an Sohn Fritz, 1. November 1944
E. Steele, Allerheiligen 1944.
Mein lieber Fritz!
Gerade komme ich mit Vater vom Kirchhof. Es ist ein düsterer, nebliger und naßkalter, trauriger Allerheiligentag. Er paßt so recht zu der düsteren Stimmung der geplagten Menschheit. Steele bietet in seinen Trümmern ein Elendsbild. Wieviel Trost müssen wir doch aus unserm hl. Glauben schöpfen, daß wir im Jenseits, wenn wir als Christen gelebt haben, ausruhen können von allem Erdenleid und daß uns dann ewige Freuden bevorstehen. - - Lieber Fritz! Nachdem gestern nachmittag Karlheinz wieder nach Paderborn zurückgefahren ist und auch Holtmann gestern Abend erstmalig in seiner neuen Wohnung schlafen konnte, ist es ruhiger um uns geworden. Die Haushälterin vom Holtmann bleibt aber noch bei uns,
da noch längst nicht alles in Ordnung ist. Sie wohnen jetzt in der Bachstraße mit den Habseligkeiten, die sie aus den Trümmern noch retten konnten. Huth wohnt bei Kaplan Gründer, der Dechant im Krankenhaus, der Gottesdienst ist jetzt im Krankenhaus, Annastift und Waisenhaus. Der Dechant hielt Sonntag eine Ansprache. Die Tränen liefen ihm die Backen herunter und die Leute weinten bald alle. In Steele sind 54 Bomben 4 Mienen und hunderte Brandbomben gefallen. Wir hatten in der Humannstraße wirklich Glück. Essen soll so kaputt sein daß man denkt, daß das die letzten Angriffe hier waren. - Von Gisbert hören wir garnichts. Ich muß immer an ihn denken. Wo mang er nur sein und wie mag es ihm gehen. Der arme Günter liegt nun einsam und
verlassen auf dem fremden Kirchhof. Ob die Leute, denen wir Geld gegeben haben, auch sein Grab geschmückt haben? Wir wollen sehr viel für ihn und auch für Gisbert beten. In 5 Wochen bist Du sicher zu Hause, lb. Fritz. Da mußt Du mal die vielen Briefe lesen, die anläßlich des Todes von Günter gekommen sind. Man sieht, wie beliebt er war. Täglich kommen noch Briefe an. Auch Kpl. Theben, der jetzt in Plauen im Vogtlande ist, schrieb sehr nett.
Auch Halstrick und andere Freunde Günters. - Erst Leo Ruhrmann, der Sohn von der Witwe Ruhrmann, ist hinter Kattowitz in einem Lazarett an einer Verwundung gestorben. Die Mutter war noch 5 Wochen bis zum Tode bei ihm. Er ist Freitag begraben worden dort.
Uns geht es noch gut, trotz allem durch die viele Arbeit die wir letzte Woche hatten bleibt einem keine Zeit zum Nachdenken und es ist vielleicht gut so. Wir wollen hoffen, daß es Dir noch immer gut geht und nun nimm viele herzliche Grüße von Deiner Dich lbd.
Hast Du das Päckchen noch nicht bekommen?
Recht herzliche Grüße
Dein Vater