Berta Kranz an Sohn Fritz, 23. November 1944
E. Steele, d. 23.11.44. Donnerstagabend.
Mein lieber Fritz!
Die Abendpost brachte uns Deinen lb. Brief vom 5.11., woraus wir ersehen, daß Du nun wohl auf unser Telegramm von Sonntag wegen unseres Bombenschadens vom 18.11. doch nicht kommen darfst. Wir bedauern das sehr, haben wir doch diesmal sehr viel Schaden, schlimmer wie sonst. Karlheinz haben wir gleichzeitig ein Telegramm geschickt und er ist auch noch immer nicht hier. Ja, es ist furchtbar jetzt hier. Am Samstagabend um 7 Uhr war Luftwarnung und wir zogen uns sofort an, drehten noch eben die Schlösser um u. mitdem fiel eine Miene hier in unsere Straße, Bömers gegenüber. Wir standen in Schmutz gehüllt in Dunkel, alles krachte, ich schrie auf und klammerte mich an die Wand im Flur. Vater war im Wohnzimmer u. blutete im Gesicht von den Scherben. Wir rannten im Dunkeln mit Hausmanns über Dreck weg in den Keller und es fielen noch 24 Bomben in Steele, in Rott, [..] u.s.w. Wir hatten bestimmt gedacht, unser Haus hätte einen Volltreffer bekommen, aber Gott sei Dank war das nicht der Fall. Unser Dach war vollständig abgedeckt, zum 3. x in 7 Wochen; es gibt keine Dachpfannen mehr - ich in Waschstücke[?] Wäsche eingesetzt und die Decke war schlimm eingefallen alles in die Wäsche - da sah es aus, dabei war die Wäsche so groß, allein 10 Bettücher durch [..]. Holtmann u. Haushälterin. Ha, wir sind ja langsam Kummer gewöhnt, die Wäsche davor hing oben gewaschen, als das Dach wegging. Decken sind arg geschädigt bald in allen Räumen, viel Risse in den Wänden, Möbel arg mitgenommen, Bilder teils von den Wänden, Spiegel
Lieber Fritz! Die vielen Toten und Verwundeten sind von dem Wehrmachtszug hauptsächlich Ausländer, der in Steele-West stand. Nun haben wir für Wochen Arbeit alles zurecht zuflicken. Hoffentlich nicht wieder für 4 Wochen. Für die Fleischmarken kauf Dir mal Wurst. Wenn Du Geld brauchst schreibe bitte.
Herzliche Grüße Dein Vater.
Die Wand zwischen Badezimmer u. dem Kinderzimmer hängt nur noch u. kann jeden Moment einstürzen. Es war so schlimm überall u. wir haben noch bis 12 Uhr geschafft, aber es war so, daß wir die Betten nicht benutzen konnten, sondern angezogen im Wohnzimmer schliefen so gut es ging. Bis heute hatten wir noch kein Licht. Sonntag haben wir Essen von der N.S.V. geholt. Es sieht schlimm aus in Steele überall. Bomers Haus die Wirtschaft ist vollständig verschwunden, daneben das Haus (Vogelsang) auch total kaputt. Das Haus vom Dr. Küster u. Kopfhammer Hanne alles hin. Bei Bömers sieht's schlimm aus u. in bald allen Häusern Verletzte u. Tote. Es waren über 70 Tote u. über 40 Verletzte Samstagabend. Auch der Bahnhof sieht schlimm aus - alle Häuser in der Humannstr. sind so schlimm daß viele unbewohnbar sind. Wir haben immer noch Glück trotz aller Schäden. Aber es sieht schlimm aus bei uns, es regnet in Strömen u. das Wasser lief die Treppen herunter bis in den Flur unten. Bis eben haben wir mit 4 Mann wieder Wasser geschleppt in allen Räumen oben. Bei Hausmanns läuft das Wasser durch alle Decken. Wir hatten die ganzen Tage schon Schreiner hier die das nötigste machten. Es wäre schade, wenn Karl auch nicht kommen könnte es ist noch so viel Arbeit. Der Dachdecker war da, wird aber immer wieder geholt. Maleske u. Schäfer haben eben wieder Teerpappe gelegt, aber zwischendurch waren wir wieder stundenlang im Keller u. die Bomben fielen wieder. Es ist kein Leben mehr. - Ein Zug war Samstag auch getroffen hier. Wir hatten für Karl Arbeitsurlaub eingereicht, gebe Gott, daß er kommen kann. Ich hätte Dich auch so gerne hier gehabt. Gestern erhielten wir einen Brief von Dir vom 30.10. Die Post bleibt so lang. Von Tt. Tonchen kam gestern auch ein Brief. Sie ist in einem Dorf bei Bamberg. Es muß furchtbar in Laerbr. gewesen sein. Es ist überall eben schlimm. Wie soll das alles noch enden. Gott wird uns weiter beschützen. Wir hatten bis jetzt immer noch Glück bei allem. Schrieb ich Dir schon, daß Vater wegen Gisbert beim Roten Kreuz in Essen war. Die können aber noch nichts unternehmen. Wenn wir nach 3-4 Monaten noch keinen Bescheid haben, daß er in Gefangenschaft ist, dann sollen wir noch mal kommen dann wollen sie Nachforschungen anstellen. Werner Vogt ist auch gefallen.
Ich lege Dir noch mal ein paar Marken bei, damit Du Dir mal was essen kannst wenn Du Ausgang hast. Hoffentlich kommen die 3 Päckchen mit Printen u. Bonbons gut an.
Es grüßt Dich in herzlicher Liebe
Deine Mutter.