Berta und Fritz Kranz an Sohn und Bruder Gisbert, 12. Juni 1943

Lieber Gisbert!

Ich war vorige Tage bei Roßberg und erzählte ihm das von Huckschlag wofür ich Dir danke. Dr. Roßberg freute sich, daß er mal wieder etwas von Huckschlag hörte. Der erste Pfingsttag wurde uns durch einen anständigen Fliegerangriff versalzen. Bochum war das Angriffsziel. Der Alarm dauerte 2 ½ Stunden. Morgens konnten wir uns nicht ausschlafen, weil morgens Alarm und anständiges Geknalle war. Die Flieger versuchen nämlich immer nach einem Angriff Luftaufnahmen von der betreffenden Stadt, welche bombardiert wurde, zu machen. So wird es auch heute Morgen gewesen sein. Vorgestern wurde Düsseldorf angegriffen. Die Verwüstungen sollen dort genau so aussehen

wie in Essen. - Am 24. Juni bekomme ich Herbstferien,die bis zum 30. Juli dauern. Wegen Ernteeinsatz weiß ich noch nichts genaues. Ich bin nach dem Großangriff auf Dortmund mal mit meinem Fahrrad dort gewesen, und sieht es dort genau so aus wie in Essen. In Wuppertal sind die Verwüstungen verherend. Seit Ostern ist Kirmes in Steele, um das Volk durch die Leiermusik noch verrückter zu machen.

Für heute viele Grüße von

P.S. Pfingstferien haben wir nicht bekommen.

Lieber Gisbert! Zunächst sende ich Dir einen herzlichen Pfingstgruß. Möge der hl. Geist Dich stärken und Dir seine reichsten Gnaden schenken! Für uns hat Pfingsten nicht schön begonnen. Nachdem wir fast 2 Wochen Alarmruh hatten, fing es Freitagnacht

 

 

wieder an, (Angriff auf Düsseldorf u. Münster) Dann letzte Nacht Bochum. Der Himmel war wieder rot von Bränden. Das Ruhrgebiet macht doch Furchtbares mit. Die Schäden des Hochwassers sind längst noch nicht behoben. Die ganzen Wochen wird in Steele Tag für Tag u. Sonntag für Sonntag Schlamm u. verdorbene Möbel, Sofas, Betten u. alles mögliche abgefahren. Russen wurden eingesetzt, aus Kellern, Wohnungen u. Gärten den Schlamm zu schaufeln. Es stank in den betroffenen Straßen u. Plätzen von all dem furchtbaren Dreck u. verdorbenen Zeug. Frau Bertold, die auch sehr unter dem Hochwasser gelitten hat, erzählte, ihre Haustüre sei fortgeschwemmt gewesen, von Flensberg sind die ganzen Theken aus dem Geschäft u. Türen alles weggetrieben. Drogerie Symann, furchtbar Schaden. Sie selbst waren verreist u. Frau Röhrig hatte vorher alle Wäsche u. Kleider in den Luftschutzraum geschafft und das Dienstmädchen hatte alles nur auf Kisten gestellt. Alles ist total verdorben, abgesehen von großem Geschäftsschäden

 

Bei Wesbring ist dieser Tage eingebrochen worden u. 40 Pfd. Butter, Wurst u. Bohnenkaffee gestohlen worden.

 

Fritz ist so nervös, daß er nachts im Traum schon aufgestanden ist u. wollte Brände löschen.

Du machst Dir kein Bild, wie schlimm alles war. Jetzt ist der ärgste Schmutz weg. Becker, der ja bei uns im Geschäft ist, bekam 3 Tage frei, um bei den Schäden zu Hause helfen zu können. Sie haben ja ein Bootshaus. Er erzählte, er habe Tausende Leichen, Menschen, Ruhr[?], Pferde, Schweine, ganze Häuser sogar, antreiben sehen. Man hört hier von so viel Elend u. Not und oft ist man ganz bedrückt von all dem Jammer. Ich würde mich mal gerne etwas erholen, aber mit Monschau gibt es nichts. Ich habe jetzt so oft Herzbeschwerden. Frau Paulat ist auch jetzt so unzuverlässig. Ihre Kinder sind jetzt in Würtemberg. Ich bemühe mich jetzt um ein Mädchen, da ich befürchte, daß sie auch bald dahin fährt. Vater erholt sich gut. Karlheinz u. Günter hoffen, bald in Urlaub zu kommen. Wie schön wäre es, könntet Ihr mal wieder alle zusammen hier sein. Hoffentlich verlebst Du schöne Pfingsten. Durch die Alarme sind für uns die Tage kurz, später Gottesdienst, ½ 12 Uhr erst Frühstück, entsprechend später Mittagessen - und ich habe 7 Briefe zu schreiben. Frau Strieker hatte auch mit Fritz für heute zum Kaffee eingeladen, aber wir haben abgesagt, da wir viel zu müde sind. Fritz sieht

 

sehr schlecht aus u. ißt wenig. Er ist so nervös u. möchte ich ihn gerne irgendwohin in Ferien schicken, wo er Ruhe hat. Aber wohin? Es grüßt Dich vielmals Deine Mutter