Marga Broil an ihren Mann August, 3. Mai 1944

O. U., den 3. Mai 1944

Meine liebe Marga,

dies ist einer der wenigen Briefe, die ich Dir bisher auf der Maschine geschrieben habe. Das Schreiben mit der Hand ist ja etwas viel Schöneres und vor allem Persönlicheres. Doch trifft sich dieses Schreiben heute besonders gut. Die Lage, in der ich mich jetzt befinde ist recht seltsam. Die Maschine steht vor mir auf der Bekleidungskiste, ich sitze ebenfalls auf einer Kiste zwischen anderen Kisten, die langen Beine irgendwie verstaut. Links über meinem Haupte hängt eine festliche Kerzenbeleuchtung, die gerade soviel Licht gibt, dass ich einigermassen sehen kann. Der Raum ist ein von der Zeltplane überdeckter Kraftwagen, in dem wir fürs erste unser Quartier aufgeschlagen haben. Die grosse Reise hat allerdings noch immer nicht begonnen, scheint aber unter den geschilderten Umständen nicht mehr allzulange auf sich warten zu lassen. Gestern und heute war das grosse Packen mit all seinem Getriebe und Durcheinander. Nun aber ist wieder etwas Ruhe, nachdem wir am Waldesrand bei unseren Fahrzeugen wohnen.

Wie schön habe ich doch auch in diesem Jahre wieder das Wachsen des Frühlings zwar nicht in hellen jubelnden Freuden miterleben können. Immer wenn ich die zahlreichen Birken sah, dann freute sich mein Herz ganz ordentlich, denn sie waren so wunderbar zart in ihrem frischen Grün. Auch jetzt sind ihre Blätter noch ganz jung und frisch. Wenn ich mir einige zur Freude abpflückte, dann waren sie bald welk, denn sie bedurften in ihrer Jugend allzusehr des nährenden Baumes. Der schöne Mai mit seinen vielen Liedern von der Herrlichkeit der Gotteswelt in der Natur und in der Liebe zweier Menschen ist gar so garstig gekommen. Es strahlte keine Sonne

warm vom hellen Himmel herab. Der Himmel war grau verhangen und heute bliess ein rauher Nordwind. Bald wird aber die Sonne ihren sieghaften Lauf begehen und ihre ganze Kraft zu uns hernieder senden. Dann wird sie uns strahlen, Dir und mir, wo wir uns auch befinden mögen, und wir werden beide mit gleich sehnsüchtigen Blicken nach ihrer Kraft Ausschau halten.

Gestern, Liebste, ist Dein Brief angekommen, der mir von Deinem schönen und erlebnisreichen Tag in Bergisch Gladbach berichtet. Ich habe so recht mitempfunden, was Dir dieser Tag bedeutet haben muss. Fast möchte ich glauben, dass er in seiner Wirkung ähnlich war wie jener Sommertag, von dem wir immer so gerne sprechen, wenn wir nur irgendwie durch Ort oder Zeit daran erinnert werden. Zwar war uns damals das innige Beisammensein die Vollendung unseres Glückes. Dafür ist aber jetzt die schöne Gewissheit mit Dir gewesen, dass Wir in Gedanken noch viel inniger beieinander sein konnten, als das jemals früher der Fall war. Durch unser grosses und tiefes Erlebnis des Gemeinsamseins sind wir befähigt gedanklich viel tiefer beieinander zu sein als früher. Darum war für Dich das Erleben an jenem Tage so schön, weil Du Dich bei mir fühltest, weil Du ein Teil von mir in Dir trägst als unser Kindlein. Und wie Deine beiden letzten Briefe mir so klar und wahr die Stimmung Deines Innern kundgeben. Der eine Brief ist so recht in der augenblicklichen Bedrückung geschrieben, die Dein armes Herz fast übermannt hat. Der andere aber zeigt mir die ganze Geglückung und Auflockerung, die das Erlebnis der Natur und der Schönheit bereitet. Ich muss Dir wiederum herzlich Dank sagen für Dein herzliches ungeschminktes offenes Wort, das mir Dein ganzes Innere zu offenbaren sucht. So machen mir Deine Briefe die meiste Freude, dadurch lernen wir gerade die tiefsten Geheimnisse unserer Herzen kennen.

Liebst, die Hände werden mir von der frischen Luft im zugigen Wagen klamm zum schreiben. Hoffentlich bekommst Du bald Nachricht von mir. Ich denke fest an Dich und bin ganz

Dein August