Willi Overwien an Gisbert Kranz, 20. Februar 1937
Insterburg 20.2.1937.
+ Gruß Dir, Gisbert.
Du wirst vielleicht schon auf Antwort gewartet haben. Aber Du bist nicht der einzige, der auf ein paar Zeilen wartet. Und soviel Zeit zum Schreiben hat man auch nicht. Man ist eben kein Zivilist mehr und kann sich nicht mehr hinsetzen, wann man Lust hat. Aber das wirst Du ja auch noch einmal kennen lernen. Daß ich Dir nicht vom Dienst erzählen kann, wirst Du ja wohl einsehen. -
Du bist Ritter geworden. Sei nicht betrübt, daß Du Dein Abzeichen nur einen Tag tragen konntest. Du sollst auch Ritter sein, ohne die äußeren Erkennungszeichen. Ohne die ist es vielleicht sogar schwerer. Sie ermahnten oft, wenn es nötig war. Ihr aber müßt Ritter sein ohne dies Mahnen. Glaube nicht, daß Rittersein ein überflüssig, unmodernes Ding sei. Die Zeit ist wohl so unromantisch, es überflüssig zu finden und mit ihm die Rittertugenden.
Nicht viel Menschen kennen noch die Ritterlichkeit gegen Mädchen und Frauen. Wohl tragen auch Mädchen und
Frauen Schuld daran. Ihnen fehlt eben auch die Achtung vor dem Mann, die Tugend der mittelalterlichen Frauen.
Glaubst Du, daß Demut heute noch zeitgemäß erscheint? Und doch! Wenn alles an der Hybris leidet und geschaffene Dinge über den Schöpfer setzt, so wollen wir die ritterliche Demut tragen, nicht solche, die pharisäerhaft das Haupt auf den Boden schlägt und eine Träne im Augenwinkel zerdrückt, sondern die stolze Demut der Kinder Gottes, die sich stolz vor dem Schöpfer neigt, eben stolz, daß wir einen solchen Vater haben.
Mut ist allerdings ein viel genanntes Ding. Aber man kann auch zu oft davon sprechen und es zerreden. Es geht damit ähnlich wie mit dem Begriff „Frieden”. Je mehr man es ruft, umso weiter ist man davon weg.
Man möchte so gern mutig sein, kann aber seine Herzensfeigheit nicht überwinden. Darum schreit man „Mut” heraus unter die Menschen, damit alle sehen, wie „mutig” man ist. Sieh, Gisbert, es ist nicht so einfach, wirklich
mutig zu sei. Aber ich glaube, wo wahre Demut ist, da fehlt auch der Mut nicht. Denn wer den Mut aufbringt, über sein „Ich” Gott zu stellen, also wahrhaft demütig ist, braucht nicht Sorge zu tragen, daß er in der Welt mutlos dastehen wird. -
Wollen wir also nicht vergessen die ritterlichen Tugenden, die Frauenehre gütig hält, die mutig demütig ist vor Gott. -
Es ist schade, daß ich Deine Krippe nicht sehen konnte. Fein, daß ihr daran noch Freude findet. August war doch sicher begeistert. Wie kam denn Patt zu Deiner Krippe? Grüß übrigens Andr. Böhmer von mir. -
Du mußt mir ab und zu einmal schreiben, wie die Arbeit in eurem Kreis klappt. Ich sage absichtlich „Kreis”. Denn von Gruppen kann ja keine Rede mehr sein. Aber laßt euch nicht entmutigen. Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, so schreibt ruhig. Legt ab und zu schon einmal ein paar Briefmarken bei. Die kann man immer gebrauchen.
Da fällt mir gerade ein. Wenn ihr das
Gruppenalbum ganz fertig habt, so müßt ihr es mir einmal schicken. Auch das Fotoalbum. Ich schicke es auch dann einige Wochen später wieder zurück. -
Du schreibst in Deinem Brief von dem Satz Fichter: „Man soll am Abend besser schlafen gehen, als man am Morgen aufgestanden ist.” Das ist wohl das Geheimnis unserer ganzen Bildung. Uns soll nicht Bildung sein trockenes Wissen vieler Dinge sondern lebendiges Aufnehmen des Wissen. Wir wollen mit dem Wissen unseren Charakter bilden nach einem Vor-Bild. Dieses Vorbild sei ein Ideal. Hoch, weit über uns. Und immer näher wollen wir dem Ideal kommen von Tag zu Tag, immer besser wollen wir werden. Das sei unsere Bildung -
Nun sei herzlich gegrüßt.
Willi.
Ich grüße auch Deine Eltern. Ebenso alle Jungen und Freunde Eures Kreises. Franz-Josef u. Hans u. Heinz ganz besonders
Euer Willi.