Willi Wessendorf an Gisbert Kranz, 18. Mai 1939
W. Essen, den 18. Mai 1939.
Gruß Dir, Gisbert!
Heute am Feste Christi Himmelfahrt will ich Dir den Brief schreiben, den Du sicher schon lange von uns erwartet hast. Für Deinen langen Brief danken wir Dir herzlichst. Von unsern Stunden kann ich Dir noch keinen Erfolg melden. Zweimal ist Willi Scholten jetzt schon plötzlich krank geworden und augenblicklich liegt er an Mandelentzündung. Aber nach Pfingsten wird das anders. In der Schule ist eigentlich alles beim Alten. Neue Verfügungen und Reformen sind für uns nicht herausgekommen. Aber nach wie vor fehlen in fast sämtlichen Fächern die Lehrbücher. Von der gro-
großen Realklasse sind zwei kleine räume - sind sind fast quadratisch - gemacht worden und ausgerechnet für Klasse 8s und 8m. Die Wand ist natürlich noch nicht trocken und der ganze Raum ist feucht und kalt. Das größte Ereignis aber ist die Versetzung Eggenraths. Eggenrath sollte zuerst zum Burggymnasium kommen, man hat ihn aber nach Solingen geschickt. Als Ersatz ist ein Wennemann Schwer zu uns gekommen. Ob Wennemann ein Vormann sein soll, weiß ich nicht. Schwer ist ein ehemaliger Jungstammführer des D.J. Er ist fünf Jahre nicht mehr im Amt gewesen. Er gibt dieselben Fächer wie Eggenrath, kann aber nur das, was er vorbereitet hat.
Er hat ein ganz anderes Wesen als Eggenrath, und beim Sprechen stößt er etwas an. Außerdem ist noch ein Hoffmann gekommen, bei dem wir aber keinen Unterricht haben. Geschichte haben wir jetzt wieder bei Steinbrink, Deutsch beim Chef behalten und Französisch wieder beim Jupp. Augenblicklich sind Kromer und Becker beim Militär. Ein Vertreter ist nicht gekommen, so daß wir bis zu den Sommerferien kein Biologie haben. Turnen hat bei uns Dittmar, die 8m hat Kromer behalten. Zum Schulbeginn hat unser Chef natürlich wieder eine seiner berühmten Reden gehalten. - Wie mir Ursula gerade sagt, hat Willi Scholten einen leichten Diphterieanfall.
Er liegt aber zu Hause, nicht im Krankenhaus. Hoffentlich wird es nicht schlimmer, denn Diphterie ist doch eine gefährliche Krankheit. Bis zu Deinem ersten Urlaub wünsche ich Dir alles Gute. Sei also herzlichst gegrüßt von Deinem
Willi W.