Werner Vogt an Gisbert Kranz, 19. November 1939
Essen, am 19.11.39.
Lieber Gisbert,
Zunächst einen frohen Sonntagsgruß aus Essen. Ich erfuhr Donnerstag Deinen neuen Standort und will Dir gleich einiges schreiben. Das Nächstliegende ist wohl unsere Arbeit im Freundeskreis. Im letzten Brief an Deinen Bruder Karl-Heinz schreibst Du, daß mal mehr Schwung in den Laden kommen muß. Da hast Du ganz recht, wenn ich auch den Eindruck habe, als ob Du etwas zu schwarz siehst. Ich führe das auf die Briefe von Karl Heinz zurück, der Dir vielleicht ein falsches Bild gemacht hat. (Von wegen, daß ein übers andere mal ausfällt und wir nur vorlesen). Es wird aber auf Deine Veranlassung hin etwas geschehen und zwar sofort, dessen darfst Du sicher sein. Ich habe mich in Deinen Arbeitsplan vertieft und wir haben schon Pläne für die Zukunft gefaßt. Zunächst steigt das Thema: „Von der Aufklärung zur Romantik”, das ich selbst übernehme. Als Grundlagen dienen der Leuchtturm, Kirchengeschichte und Erfahrungen aus dem Geschichtsunterricht. (Spiecker!) Vor allem nicht mehr soviel vorlesen, sondern in Vortragsform mit anschließendem Meinungsaustausch. Über die Ergebnisse und Erfolge wirst Du nächstens hören. Wir werden unsere Arbeit aber auf keinen Fall aufgeben! Ich hoffe, daß Du derselben Meinung bist. - Ich möchte Dich dann noch auf ein sehr schönes, gutes Buch hinweisen, das wohl als das Beste bezeichnet werden darf,
was je über den Priesterberuf geschrieben wurde: „Der Priester in der Welt” von Sellmaier im Verlag Pustet (u. Kösel), zu Regensburg. Vielleicht kennst Du es auch schon, dann wirst Du derselben Meinung sein. Ich benutze es als Grundlage eines deutschen Klassenaufsatzes: „Der Beruf des ....” Ich weiß, daß es eine schwere Aufgabe wird, aber ich werde die Sache mit Begeisterung machen, das ist schon viel wert. Wenn Du Zeit hast, schreibe mir einmal von Deiner Arbeit, wie es Dir geht. Ich wäre Dir dankbar dafür. Du hast mir (vielleicht unbewußt) manche Anregung gegeben, die ich später oft verwerten kann. Ich habe mich entschlossen, Geschichte auf Wahlfach zu nehmen und arbeite schon jetzt daraufhin. Wir haben in Spiecker einen ausgezeichneten Lehrer und Führer, der seine Aufgabe versteht. In der Penne geht alles den geregelten Lauf, der alte Chef ist als Hauptmann eingezogen, nun macht Gaillard die Sache „mit eisernem Lesen”, wie er sagt. Seine Arbeit ist unbedingt anzuerkennen, er ist jedenfalls fähiger als der alte Chef. Nun zum Schluß, sei herzlich gegrüßt, denke auch mal an uns und mach Deine Sache gut!
In herzlicher Freundschaft
Werner Vogt
„Rein bleiben und reif werden -
das ist schönste und schwerste
Lebenskunst.” - Ernst Wurche in „Wanderer zwischen zwei Welten.”