Herbert Weise an Gisbert Kranz, 9. Februar 1940
Essen-Steele, d. 9.II.40.
Lieber Gisbert!
Für Deinen langen und ermahnenden Brief zunächst meinen herzlichen Dank! Das von Dir reproduzierte Wort (bzw. 2) konnte ich natürlich nicht lesen, Du musst mir schon den Zusammenhang mitteilen. Ich habe augenblicklich noch sehr wenig Zeit, aber da ich Dich nicht noch einmal so lange warten lassen will, benutze auch ich einmal die Nacht, Dir zu schreiben. Ich spiele nämlich morgen abend in Gelsenkirchen in einer gross aufgezogenen Heldengedenkfeier der H.-J. ein Orgelpräludium von J. S. Bach, was für mich als Nichtorganisten natürlich eine lange (diesmal, zusammengerechnet, 8 Stunden) Übungszeit erfordert, des Pedals wegen und der Unabhängigkeit von Händen und Füssen. In 10 Tagen veranstalten wir (Mitglieder des H.-J.-Stammorchesters Steele) für den B.D.M. ein Kammerkonzert mit derart schwierigen Werken, die in Steele noch nie gespielt wurden, das eine Woche später für die Öffentlichkeit wiederholt wird, also piksauber gespielt werden muss. Ausserdem habe ich einen eigenen Klavierabend und einen Abend zu 2 Klavieren mit der Blinden Frl. Hurdlmann zusammen vor. Nebenbei wird in 3 Wochen der Kruppsche Instrumentalverein mit der „Tafeltrunk”[?] von H. Lang, bei der ich den Klavierpart spiele, auf Wachsplatten aufge-
nommen, vom Rundfunk aus, und auch noch ein Frauenchor von J. Haas, den ich auch begleite. Daneben dann noch eifrig Kontrapunkt und Geige, für das 2. Staatsexamen; ich glaube, das genügt!
Nun zu Deiner - entschuldige, ich bin infolge einer Auseinandersetzung soeben sehr spitz gelaunt und ich kritisiere auch - total falschen Ansicht über Musik und über das Wesen einer Kunst und ihre Quellen und Aufgaben. Jawohl, Musik ist romantisch, aber nur solange man Zuhören kann oder aus Liebhaber spielt, aber wenn man sich das zum Berufsmusiker, zum berufenen Musiker notwendige handwerkliche, zunächst rein schemahafte Wissen und Können aneignen muss, das zunächst in seiner Trockenheit und Regel-Mässigkeit einen direkten Widerspruch zur „Gefühlskunst” Musik zu bilden scheint, dann ersehnt man aller Einsicht nach Vernunft zum Trotz „Romantik”, hoffentlich verstehst Du mich richtig. „Abgebrüht” wird man auf keinen Fall, wenigstens ich nicht, im Gegenteil, immer mehr Feinheiten (gleichbedeutend: Schönheiten) offenbaren sich bei der praktischen Arbeit, die natürlich der Theorie parallel läuft. Gewiss, auch für mich ist die Musik das „Ziel meiner Sehnsucht”, nämlich gewesen - in der idealistischen Form, die mir einmal vorschwebte. Musik ist schön - nebenbei, aber als Beruf ist sie genau so schwer, neu schwerer als jeder andere, wenn man sich auf einer der Kunst würdigen Höhe halten will; dazu muss man brutal, kompro-
misslos sein bis zum Brechen einer Existenz, der des Gegners oder der meinen. Tragik der Romantiker war, dass ihre Existenz zerbrach - an ihrer eigenen Schwäche, Bequemlichkeit, Idealistik - Akrobatik, Spiesserlichkeit! - Auch im Folgenden hast Du falsch gedacht, nicht mein Wollen zog mich in die Musikerlaufbahn (der Mensch hat keine „intelligible Freiheit” (Schopenhauer), dass ist die grösste Fiktion einer dekadenten, christlichen Lebensauffassung, für das Volk notwendig, da es dann vielfach leichter zu regieren ist, für höhere Naturen die Klippe, an der sie scheitern, wenn sich von dem Strudel des Christentums gezogen wurden, Beispiele: Goethe Faust (Schluss), Hölderlin, Brahms Requiem, Die Beethovenschen und Haydn'schen Messen sind alles andere als kirchlich, geschweige denn christlich. Gegenbeispiele: Bach, Bruckner, für das Christentum prädestinierte Naturen.), sondern mein Müssen lenkte meinen „Willen”!!! (Das Christentum ist nur für eine bestimmte Art Mensch geeignet, nämlich solche, die in irgendeiner Hinsicht unterdrückt werden, vielmehr richtiger: sich unterdrückt fühlen.) - Was Du über die Grossstadt schreibst, ist ja selbstverständlich, ich habe nur einmal die schlechten Seiten, die mir als ungeheuer sensiblen Menschen tatsächlich unerträglich sind, kritisiert. Dass Du als Keimzelle der Kultur natürlich zuerst die Dome erwähnst, hat mich - na sagen wir, weniger überrascht denn fast zum Mitleiden mit den Menschen (was sich so Kunstwelt nennt) gebracht, denn leider ist es ja so. (Du musst nämlich wissen, dass Mitleid und Demut in meiner Rangordnung von unten nicht nächst der Verachtung kommen.)
Und nun das eigentlich Wesentliche meines Briefes:
Lieber Gisbert, Du hast ganz richtig erfasst, als was die Menschen heutzutage die Kunst betrachten, wenn ich Deine zweifellos ernst und in einem anderen Sinn gedachten Worte folgendermassen auslegen will, nämlich als Entspannung, gleichzeitig als ein Mittel, Konflikte vorgeführt zu bekommen (wie seelischer, [in diesem Falle, nämlich dem Falle Masse, Herde, fast tierischer] Art), die man im täglichen Leben, im einförmigen Alltag nicht hat, wenn man nicht intellektuell, nicht seelisch sensibel genug ist, sie sich selbst zu verschaffen; dann aber gehört man nicht mehr der Masse an. (Die einzig mögliche Regierung ist eine aristokratische [nicht plutokratische] Diktatur, [[...] = edel], die sich einen demokratischen Anstrich gibt in „Volkskulturarbeit, Volksbefragungen” usw., veritate aber eine Selektion schärfster Art aller wertvollen Charaktere vornimmt, tatsächlich unbeeinflußt durch finanzielle Dinge.). Summa: Wirkliche Kultur ist ausschliesslich ein Privileg gebildeter (nicht mit Schulwissen vollgestopfter, sondern verstandes- u. herzens- „gebildeter-, geformter”) Kreise. Die Volkskunst ist keine „Volkskunst”, sondern individuelles Schaffen Einzelner, die eigentlich durch die oben erwähnte Selektion aus der Masse ausgelesen zu werden würdig sind. „Gemeinschaftsarbeiten” sind entweder unter einer Leitung entstandene Werke (also eigentlich auch Schöpfungen Einzelner), oder sie sind Kunstgewerbe, was eine Angelegenheit des Gebrauches, also zur Hälfte der Zivilisation, ist. Es ist natürlich schön und auch förderlich, allerdings auch der „Halbbildung” Vorschub leistend, in der Jugendbewegung vor allem eine Kulturarbeit zu leisten, die natürlich letzten Endes wieder das Selektionsprinzip vertreten muss.
Für diese Ideen zu leben und zu kämpfen, ist mir der Mühe wert.
Dein Herbert Weise.