Herbert Weise an Gisbert Kranz, 24. Februar 1940

HW                 Essen-Steele, d. 24.II.40.

Lieber Gisbert!

Hoffentlich hat Dein Bruder Dir inzwischen schon meine Grüsse u. Entschuldigung ausgerichtet, so dass Du mir nicht unversöhnlich böse bist, über mein langes Schweigen. Also, lieber Gisbert, entschuldige nochmals, aber es war mir tatsächlich vollkommen unmöglich, in den letzten 4 Wochen mir die Zeit zu nehmen, Dir eine Nachricht zukommen zu lassen, ja überhaupt daran zu denken. Ich habe zunächst in einer Werkpause am vergangenen Montag zwei Frauenchöre zu begleiten u. ausserdem musste ich f. d. städt. Orchester zu derselben Werkpause ein Lied, nämlich „Nur der Freiheit gehört unser Leben”, für grosses Orchester zu setzen u. sämtliche Stimmen u. Partitur zu schreiben. Sodann hatten wir im Kruppschen Instrumentalverein zwei Konzerte u. letztlich habe ich gestern abend in Gelsenkirchen ein Orgelkonzert von Händel u. d. Standartorchester der H.-J.-Gelsenkirchen gespielt. Ausserdem habe ich wöchentlich Unterricht zu nehmen u. zu geben, eine Sängerin zu begleiten u. abends einige Hausmusikabende. Daneben soll ich noch tägl. 4 Std. Klavier u. 2 Std. Geige üben!!!

Über Deine expressionistisch-realistischen Skizzen habe ich mich herzlich gefreut. Dass Du nicht viel zu tun hast, wird dich ja wohl auch nicht erschüttern können, nicht wahr?! - Und was die Kälte betrifft, so sind wir hier auch auf -18° C morgens 7.00 Uhr gekommen. Jetzt ist allerdings ein blutaufwühlendes[?], relativ schwüles Tauwetter, seit 3 Tagen ungefähr (morgens 7.00 Uhr +9° C!!). Du glaubst garnicht, wie unbändig ich mich auf den Sommer freue, um mich endlich einmal, zum ersten Male, in den grossen Ferien, richtig austoben zu können, weisst Du, mit einem, aber nur einem, Freund, aber auch nur Freund, draussen in der Natur, im Sauerland, im Schwarzwald, an der See, im Norden der Mark Brandenburg, was weiss ich, wo - herumstreifen, die deutsche Landschaft, die Natur frei von jeder Sentimentalität, zu erleben, [..] schönen und [..] furchtbaren Seiten, hoffentlich macht mir das R.A.D. keinen Strich durch meine, allerdings noch sehr unbestimmten Pläne -!! Nachdem ich schon in meinen letzten Ferien die Wirkung des Krieges verspürt habe!! - Weisst Du, so ganz heraus aus dem Steinmeer der Grossstadt, aus dem Sumpf der „Zivilisation”, - ach, ich glaube, ich fantasiere. - Bitte nicht übelnehmen, Gisbert, aber man wird von der trostlosen, uninteressanten Arbeit, die an Allen daran hängt, sehnsüchtig, romantisch. - -

Un nun vergelt bitte nicht Böses mit Bösen (Bibel), sondern lass bald etwas von Dir hören,
Dein Herbert Weise.