Willi Wessendorf an Gisbert Kranz, 3. März 1940

Essen-Huttrop, den 3. März 1940

Gruß Dir im Herrn, lieber Gisbert!

Habe herzlichen Dank für Deinen letzten Brief. Da schriebst Du noch „laß Dich durch nichts bange machen”. Das habe ich befolgt, aber gepaukt habe ich doch noch allerlei. für die Katz' war's. Am Mittwoch 28.II. wurde unsere Prüfung gestartet. Ich muß schon sagen, es war sehr billig, es war einfach keine Prüfung. Und das noch wohl unter dem Vorsitz des Oberschulrats Blank. In drei Stunden waren wir fertig, 14 Prüflinge. Jedesmal, d. h. in Deutsch, Biologie und Erdkunde, wurden alle 14 zugleich geprüft. Wir saßen der „hohen Prüfungskommission” gegenüber. Steinbrink führte seine Prüfung ganz durch, Linnenborn ließ sich schon nach fünf Minuten das Heft aus der Hand nehmen, und Dittmar begann zitternd und bebend. Ich glaube fast, die Pauker hatten mehr Angst als wir. Der Oberschulrat war sehr aktuel: Krieg gegen England, Kapitalismus, Plutokratie, Imperialismus, Nationalsozialismus, Gemeinnutz geht vor Eigennutz, Autarkie und andere Schlagworte führte er immer im Munde. Es war wirklich eine schöne Komödie, die man da mit uns spielte.

Außer in den drei Fächern wurde keiner geprüft, selbst dann nicht, wenn eine schriftliche Arbeit verbaut war. Trotzdem war uns aber, als wir morgens zur Schule kamen, das Herz in die Hose gefallen. Das erste, was wir erfuhren, war: Gaillard kommt nicht, Gaillard liegt krank auf Leben und Tod. Es ist wieder die alte Nierengeschichte, an der er vor einigen Jahren auch kurz vorm Abitur so schwer krank lag, daß man erzählt hatte, er sei tot. Diesmal aber ist's wirklich sehr ernst. Unsere Entlassungsfeier fällt seinetwegen aus. Stellvertretender Direktor ist augenblicklich - lies und staune: Roeskaus. Nur gut, daß wir jetzt nichts mehr mit der Penne zu tun haben. Übrigens, fast hätte ichs vergessen: Willi Scholten hat, oder richtiger bekommt sein Reifezeugnis auf Grund der schriftlichen Prüfung. Er kam erst am Tage vorm Abitur aus dem Krankenhaus und muß sich vielleicht einer schweren Gehirnopperation in Frankfurt a. M. unterziehen. Augenblicklich haben wir also vier Wochen frei. (Wir haben's doch besser als ihr.) Was dann kommt, ich weiß es noch nicht. Ich hoffe, daß wir uns in der Osterzeit noch einmal treffen. Bis dahin sei herzlichst gegrüßt
Willi