Willi Wessendorf an Gisbert Kranz, 1. Mai 1940
Ochtmannien, den 1. Mai 1940
Gruß Dir, lieber Gisbert!
Fast 14 Tage bin ich jetzt schon hier im R.A.D.-Lager Ochtmannien, 36 km von Bremen, 7 km von Vilsen entfernt. Ochtmannien ist gar kein zusammenhänges Dorf. Es besteht nur aus verstreuten Gehöften. Wir liegen an der Straße Bremen - Hannover. Ich habe mich schon ganz gut eingewöhnt. Vorläufig sind wir eine Ausbildungsabteilung und haben keine Arbeiten zu verrichten. Unsere Nachbarabteilungen sind aber schon eingesetzt. Wir dürfen keine Feldpost schreiben. Vom inneren Dienst hier brauche ich Dir ja nichts zu schreiben. Die ersten Appelle sind schon vorbei; auch die ersten Streitgespräche mit unserem stellvertretenden Lagerführer, einem Oberfeldmeister. Es handelte sich dabei um den politischen Katholizismus. Dabei stellte ich fest, daß hier im Lager prima Kerle sind. Auch mein Bettnachbar ist ein Katholik, der in seiner Pfarre in der Jugend mitgearbeitet hat. Mit ihm kann ich mich sehr gut über brennende Fragen unterhalten. Überhaupt bin ich mit meinen Kameraden wohl zufrieden. Wir sind auf unserer
Stube mit vier Abiturienten. Über die Führer brauche ich ja wohl nichts erwähnen. Du kennst sie ja selbst besser und länger als ich. Heute verleben wir hier einen ruhigen Tag, denn gestern fand die erste Impfung statt. Unser Lager liegt hier in ganz prächtiger Lage in einem Birkenwäldchen. Das Wetter war in den letzten Tagen sehr schön und es zeigt sich überall das erste Grün. Wo findet man das wohl mitten in einem Lager. Wir haben hier keinen großen freien Platz zwischen den Baracken. Statt dessen gibt es im Lager sogar einen Wildkaninchenbau. Laufstege führen um die Baracken zum Antreteplatz. Wir können hier ganz zufrieden sein. Mit herzlichen Grüßen
in alter Treue
Willi