Alfred Deuter an Gisbert Kranz, 26. Mai 1940

Graudenz, den 26.5.40.

Mein lieber Gisbert!

Für Deine Zeilen danke ich Dir herzlich!

Besonderen Dank für die schöne Karte: da hast Du Dir ja viel Mühe gegeben!

Jawohl, ich habe meinen Frohsinn behalten und werde ihn wohl kaum verlieren. Ich lasse mich eben durch garnichts unterkriegen. Und was ist unser Dienst schon gegen die Leistungen unserer Brüder im Westen! (Mein Bruder ist auch dabei.)

Pfingstsamstag waren wir zum Vereidigungsgottesdienst in der Kirche, heute zum zweiten Male (; wir werden jetzt wohl jeden Sonntag gehen können). Ein Soldaten-Kaplan las die hl. Messe. M. Wolber + ich haben gedient. Es waren viele Soldaten dabei. Anschliessend haben wir eine gute Tasse Bohnenkaffee u. Schokolade getrunken + tüchtig gegessen; (in der Kaserne werde nie satt). Feckel traf ich heute auch in der Kirche. Wir haben uns zuerst nicht wiedererkannt; ob das von dem „Einheitsgesicht” kommt, das man hier bekommt? Jedenfalls sieht man uns sofort an, dass wir etwas Besonderes sind. Ich bin schon oft unvermittelt von Uffz. usw. angehalten worden: ich sei doch noch

reichlich jung, sicher Freiwilliger und Student oder so etwas Ähnliches sei ich doch gewiss.

Du + Pastor werden, nein niemals, usw., so geht das oft. Ich könne tanzen, hätte sogar Bilder von Mädchen im Spind, nein sowas, das wolle Pastor werden!? Die Aufgeschlossenheit auch für Dinge dieser Welt will man uns einfach absprechen. (Augenblicklich habe ich Deine Karte im Spind). So eine unerschütterliche Gelassenheit, über die Du so fein schriebst, habe ich mir zu eigen gemacht. Wenn da so einer vor der Front schreit, dann führt mein Körper irgendwelche Bewegungen aus, aber meinen Geist kümmert das wenig; er wird erst am Feierabend wach; : nicht dass ich unbewusst lebte den Tag über, man macht sich schon seine Gedanken über alles, Dienst, Führer usw. Und man kommt zu schlechten Ergebnissen: nicht viel besser als im R.A.D.

Aber was kann uns Christen erschüttern! Die heutigen Messtexte (Intr.) waren ja wieder recht passend für uns. Wenn ich erst endlich mein Missale habe, werde ich jeden Morgen den Messtext lesen können, soviel Zeit hat man hier.

Nun besorgt mir schnell Piuxens Adresse, von dessen Einziehung ich schon gehört habe. Grüsse bitte alle Brüder, besonders die beiden „Neuen”, auch meine speziellen Bekannten im Semester.

Pax [..]! Dein Alfred.