Willi Wessendorf an Gisbert Kranz, 10. Juni 1940

Straelen, den 10.6.40.

Gruß Dir im Herrn, lieber Gisbert!

Zunächst möchte ich Dir, wenn auch mit reichlich langer Verspätung, für Deinen Brief und die Pfingstkarte danken. Inzwischen haben wir Ochtmannien verlassen und liegen jetzt in Straelen bei Geldern. Aber auch das ist nur eine Zwischenstation. Es wird weitergehen. Wir sind hier wesentlich kriegsmäßiger untergebracht als ich Ochtmannien, zwar auch in einem RAD-Lager, aber das ist infolge des Krieges nicht vollständig fertig geworden. Es fehlen Spinde, vernünftige Tische und Schemel. In den Betten liegen Strohsäcke aus Papier. Die Ausbildungszeit haben wir also glücklich hinter uns gebracht. Jetzt heißt

es arbeiten. Ich schiebe augenblicklich noch eine sehr ruhige Kugel, da ich zum Tarnkommando gehöre und daher nicht zur Baustelle ausrücke. Der Ausbildungsdienst ist sehr zurückgetreten: 1 ½ Stunden am Nachmittag höchstens.

Die Landschaft hier gefällt mir wesentlich besser als im Norden. Sie ist doch schon etwas heimatlicher, wenn auch die Fabrikschlote und Fördertürme fehlen. Wir befinden uns hier ja in dem Gemüsegebiet des Niederrheins. Das Wetter ist ganz großartig. Seit meiner Einberufung habe ich kaum 14 Regentage erlebt. Bei der Arbeit ist das nicht angenehm, es staubt fürchterlich. Eine Anstrengung ist die Arbeit schon, da wir sie ja kaum gewöhnt sind. Aber der Chef ist mit unserer Leistung zufrieden. Vielleicht bekommen wir Samstag-Sonntag einen Heimaturlaub.

Unsere Führer entpuppten sich ganz anders als sie sich in den ersten Wochen zeigten. Gerade diejenigen, die ich für kameradschaftlich hielt, sind typische RAD-Führer, die nichts anderes kennen als nur Dienst und nochmals Dienst (wie sie es nennen). Ihnen kann man nichts gut genug machen. Sie lassen sich eben viel von ihren Launen leiten. Andere dagegen, von denen man das nicht erwartete, sind hoch in Ordnung. Man macht die sonderbarsten Erfahrungen. Ich bin wirklich nicht böse darüber, daß ich hier meine Arbeitsdienstpflicht genüge. Nun grüße ich Dich in alter Treue
Dein Willi.