Herbert Weise an Gisbert Kranz, 15. Oktober 1940
Hagen, d. 15.10.40.
Mein lieber Gisbert!
Wie Du ja wohl schon am Poststempel gesehen hast, lebe ich jetzt in Hagen, wo ich am Stadttheater als Korrepetitor angestellt bin. So kriege ich meine Theaterzeit noch vor dem Arbeitsdienst u. d. Militär weg. Diese günstige Gelegenheit bot sich mir einige Tage nach meiner Rückkehr aus meiner „Sommerfrische” (frisch wars, u. geregnet hats 3 Tage, von den 5, die ich da war, nämlich in Laer „am” Teutoburgerwald - ungefähr 30 km davon weg -); meine Eltern waren noch verreist, u. als sie zurückkamen, war ich schon hier in H. gewesen zum Vorspielen u. war bereits angenommen. Das Erstaunen kannst Du Dir gar nicht vorstellen.
Nun zu Deinem Brief, auf den ich allerdings schon lange gewartet haben (er wurde mir von meinen Eltern sofort nachgeschickt). Was für ein Examen machst Du denn, das Philosophicum? Hals- u. Beinbruch! Das Du Dir ausgerechnet Tschaikowski anhörst, erbaut mich nicht sehr, schon gut, dass Du nicht davon schwärmst wie so viele deutsche Menschen (leider!)
Seine Musik ist nämlich „viel Lärm um 'nichts'”, u. zwar in doppelter Bedeutung, sie kommt mir vor wie Tolstoj in Musik, also Nihilismus, besonders die 3 letzten Sinfonien, also die 4.-6. Darüber muss man sich aber unterhalten, aussprechen.
Was Fritz Helle treibt, weiss ich nicht, ich habe auch nichts mehr von ihm gehört. Willi Lohne schweigt aber auch wie ein Grab.
Nun zu B. Pascal. Seine Gedanken, die Du mir schreibst, sind ganz die meinen, in der Grundhaltung natürlich. Folgendes wäre daran auszusetzen: Ich vermisse bei dem ersten Zitat (3 Arten von Menschen) die Zusammenstellung verrückt und glücklich!, die es ja bekanntlich auch gibt. Es bliebe also festzustellen, in welchem Verhältnis diese Leutchen zu Gott stehen. Zu 2) (Unendlichkeit in Zahlen u. Schluss auf Gott): Der Vergleich Gottes mit der Unendlichkeit der Zahlen hinkt natürlich wie jeder Vergleich, ist jedoch gefühlsmässig richtig, nur stört mich der Schluss: „Da wir wissen, dass es falsch ist, dass die Zahlen endlich sind, muss es wahr sein, dass es eine Unendlichkeit von Zahlen gibt, ...” da er sich damit einen Beweis und ein Urteil über diese Unendlichkeit anmasst, das er u. auch jeder andere Mensch in seiner endlich begrenzten Logik nicht fällen kann. Sodann gilt dieser nur in der uns Menschen aufgezwungenen Kausalitätslogik (Contradictio), die wir begrifflich nicht zu
fassen vermögen, da auch sie ihren Versen nach unendlich ist.
Ansonsten bin ich wieder ein grosses Stück vom Christentum weggerückt, in dem ich erkannt habe und fühle, dass Christus das absolute Vorbild für sämtliche Menschen und ihre Lebensgestaltung darstellt. Paradox, meinst Du? Nein, denn befreien wir die Person Christi einmal von allem jüdisch-christentümlichen Beiwerk, das in der Bibel zu seiner Dekoration herbeigezogen ist und ihn (besonders das jüdische Element) vollkommen unkenntlich macht (also von dem Bild des unschuldigen Lammes mit den Fähnchen und von dem Bild des Welterlösers), so ergibt sich das obige Resultat. Christus als Mensch, dem die Liebe zu den anderen Menschen das höchste Bedürfnis ist, der aber trotz dieser Liebe oder besser aus ihr heraus für seine Idee kämpft bis zum Tode, der gütige und trotzdem oder deshalb zornige, der aber in Gethsemane eine menschliche Schwächehandlung begeht, indem er die Kraft seines Gebetes, das den Menschen Gott gleichstellt, (?) zunichte macht durch Hinzufügen des Satzes: „Doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst”, das ist ein unbedingtes Bild und Vorbild unseres Geschlechtes. Doch bleibt es Menschen seiner Grösse vorbehalten, diesen Satz nicht auszusprechen und so Gott die Lenkung seines Schicksals zu entreissen und sie selbst
zu ergreifen, und diese menschliche Schwäche ist der Punkt an ihm, der mich nicht ruhen lässt und der mich zu der Erkenntnis führt, dass der Mensch letzten Endes nicht gewillt ist, die Verantwortung für alle seine Taten selbst zu tragen, dass er eben kein Gott ist und sich (um wieder zu der Mathematik Pascals zurückzukehren) sich mit einem Grenzwert begnügen muss, dessen Differential erst nach seinem Tode ermittelt wird, in welcher Form, das ist ganz gleich, für mich natürlich nicht im christlichen Himmel oder. i. d. Hölle, sondern in der Weiterentwicklung des „Wesens” (von wesen: sein) der Welt überhaupt, das meiner Religion (Rückverbindung) nach identisch mit Gott ist, aber im innersten Gefühlskern sind solche Verschiedenheiten ja völlig unbedeutend, es handelt sich nur darum, dass die Religion Gefühlssache (? Schleiermacher) des einzelnen Menschen bleibt und ihn befähigt, auf und in ihr ein Leben, und ist er Erzieher (im weitesten Sinne), das Leben einer Gemeinschaft inhaltlich zu fundieren und zu leiten und die Seele in ihrem Durst nach dem Absoluten zu stillen (nicht nur zu trösten!)!
All diese Gedanken entsprangen aus einer Beschäftigung mit dem N.T., zu der ich angeregt wurde durch das Buch „Für Christen, Nichtchristen, Antichristen” v. Graf E. zu Reventlow, das ich Dir dringend empfehle.
Hoffentlich schreibst Du mir bald einmal wieder. Bis dahin alles Gute
Herbert Weise.
Die Strasse Deines Absenders konnte ich nicht entziffern. - Vielleicht können wir aber doch zus. ins Theater gehen, näml. Sonntags abends, da bin ich zu Hause.