Willi Wessendorf an Gisbert Kranz, 15. Oktober 1940

Münster, den 15. Okt. 1940
z. Z. Med. Universitätskliniken, Westring 3.

Gruß Dir in Christo, lieber Gisbert!

Gewiß wartest Du schon lange auf Beantwortung Deines Briefes. Aber, was lange währt, wird endlich gut! So will ich Dir von meinem Verbleib erzählen.

Am 20. August wurde ich vom RAD. entlassen und ließ mich am 21. hier an der Universität Münster immatrikulieren, d. h. ich bezahlte die Einschreibgebühr. Den Papierkrieg konnte ich erst einen Monat später siegreich beenden. Ich habe nun begonnen Philologie zu studieren und Geschichte als Hauptfach, Deutsch und Erdkunde als Beifach. Mit frohem Mut war ich gefangen. Dann aber kam etwas gänzlich Unerwartetes. Mein alter Herzfehler machte sich wieder bemerkbar. Mehrere Tage hindurch fühlte ich mich schlecht und spürte das Herzklopfen wieder. Ein Elektrokardiogramm wurde hier in der Klinik aufgenommen und danach behielt man mich einfach hier. Es ist nun doch schlimmer als ich angenommen hatte, obwohl ich mich augenblicklich ganz gut fühle. Ich werde einige Wochen liegen müssen und mich auch später immer sehr schonen müssen. Jede körperliche Anstrengung wie Sport, Radfahren usw. ist mir untersagt. Das Hervortreten des Herzfehlers jetzt könnte nach Meinung des Arztes wohl eine Reaktion auf die Anstrengungen des Arbeitsdienstes sein. Militär käme für

für mich garnicht in Frage. So liege ich nun hier und muß das Studium schon unterbrechen. Aber wenn's nun einmal sein muß, dann lieber jetzt als vor einer Prüfung. Nur eine Sorge habe ich, daß ich vielleicht das ganze Trimester einbüßen müßte. Das wäre mir nicht recht, und ich würde mich damit nur schwer abfinden. - Du fragtest nach Willi Scholten. Wie meine Mutter schrieb, fühlt er sich jetzt sehr gut. Während des Sommers hat er zweimal kurz hinter einander einen Nervenanfall bekommen. Ich weiß nicht, wie ich es richtig nennen soll. Aber einen Nervenkrankheit ist's, besser gesagt Krankheit der Gehirnnerven. Damals dachten seine Eltern schon an eine Gehirnopperation. Aber es hat sich nicht wiederholt. Hoffentlich hat er's endgültig überstanden. Nun sei herzlichst gegrüßt.

In Treue zu [..]
Dein Willi.