Werner Vogt an Gisbert Kranz, 20. Oktober 1940

Essen, 20.X.40.

Lieber Gisbert!

Daß Du so schnell auf meinen Brief geantwortest hast, hat mich besonders gefreut. Ich danke Dir für die ausführliche Auskunft und das Interesse, das Du für meine Pläne zeigst. Über Spenrath brauchtest Du mich allerdings nicht aufzuklären, ich habe ihn mit einigen anderen Klassenkameraden, die wir uns zu einem religiösen Kreis zusammengetan haben, sehr gut kennengelernt. (Es ist doch bekannt, daß nur noch bis Klasse 4 Religionsunterricht gegeben wird?) Da ich mit einigen anderen Freunden darin einig war, uns auch weiter hin religiös fortzubilden, haben wir uns an Spenrath gewandt, der sehr gern bereit war, die Führung unseres Kreises (8 Jg.), zu übernehmen. Davon werde ich Dir nächstens noch erzählen - heute etwas von der Arbeit in der Pfarrjugend. - Als wir damals unseren (ND) Kreis aufgaben, nahmen wir uns vor, ein jeder in seiner Pfarre an der Jugendarbeit mitzuwirken. Bei uns in Bonifatius war nichts mehr los, man mußte von vorn anfangen. Zufällig bekam ich das Buch „Christofer” (von Wolker) in die Hände, das die Fragen der religiösen Jugendgruppen bis in Kleinste behandelt. (Wolker spricht aus Erfahrung!) Als ich den „Christofer” gut durchgeackert hatte, ging ich mit einem Freund daran, die Jungen für eine Gruppe von 12-14 jährigen und 10-12 jährigen zusammen-

N.B. Beinahe hätte ich die Adresse von Willi W. vergessen. W. W. Münster i. W., Scharnhorststr. 101 b. That will do?

zutrommeln. Wir sprachen zuerst bei den Eltern vor und dann ging es gleich los. (Ich übernahm 12-14 j., mein Freund 10-12 j.) Am meisten interessiert Dich natürlich Plan und Aufbau der Gruppenstunden. Die Aufgabe, die uns gestellt war, war gewiß nicht einfach: Es galt zunächst, eine feine Gemeinschaft zu bilden, (auf rein religiöser Grundlage), Glaubens-leben und -Wissen zu vertiefen, und zwar nicht in Form des Religionsunterrichtes, sondern einer Gruppenstunde, mit feinen Liedern („Kirchenlied”!), Geschichten, kurz, in jungenhafter Aufmachung. Das Wichtigste in der Gruppenstunde ist das „Leitwort”, das ich in den ersten 12 Grstd. aus dem (Dir sicher bekannten) Buch von Tilmann „Das Schönste was es gibt” nahm. Das Schema der Gruppenstunde ist dies: Lied - Schriftwort: Erläuterung - Lied - Leitwort - Neues Lied - Kirchlicher Bericht - („das Neueste”) - Aufgabenstellung - (praktisch) - Geschichte - („Gold am Sambesi” - „Per” - „Todeswächter”) - Gebet - Schlußlied - (ca. 70 Minuten.) Inzwischen habe ich in 39 Gruppenstunden schon einen beträchtlichen Stoff verarbeitet, wobei mir die Stunden und „Fähnleins” aus ND sehr viel genutzt haben, vor allem, was religiöses Wissen angeht. Ich will Dir aus meinem Gruppenbuch einige Themata sagen: „Der junge deutsche Christ, - Liebe - Demut - Christentum = Lebensverneinung? - Warum gehe ich sonntags zur Messe - Unser Dienst - Dein persönliches Ideal - Unser Glaube - Wer ist verantwortlich für das Reich Gottes - „Ist Christentum Sklavenreligion? - Soldat Christi - Freiheit = Zügellosigkeit? - Jesus Christus (5 Grstd.) - Universalität der Kirche - Maria - Kirchengeschichte (3) - Gottes Dienst, [..]? - - Ist zwar etwas durcheinander, aber Du kannst Dir ungefähr ein Bild von unserm Betrieb machen. Unsere „Mitgliederzahl” stieg von 14 auf 22, die andere Gruppe hat 14, eine dritte 15, eine vierte 17 (die beiden letzteren habe ich in den Herbstferien zusammengebracht). Ich nehme an, daß für heute Deine „Neugierde” befriedigt ist.

Bis demnächst herzl. Gruß: Werner

C'est la guerre > Ab hier wegen Alarms eine „Etage tiefer geschrieben. (Es ist erst 20.45 Uhr.)