Werner Vogt an Gisbert Kranz, 11. November 1940
Essen, den 11.11.40
Lieber Gisbert!
In der vergangenen Woche glaubte ich Dich zu Hause anzutreffen, aber leider warst Du schon wieder in Bonn. Nun habe ich aber doch mit Dir eine „Begegnung” durch Deinen Brief, den ich eben erhielt. Deine gescheiten Anregungen nehme ich gern auf, vor allem will ich mir das von Dir erwähnte Buch zu Weihnachten besorgen, denn eine umfassende gute Kirchengeschichte fehlt mir noch. Was Du von unseren modernen Geschichtsbüchern schreibst, kann ich nur bestätigen, denn der „Gehl”, den wir benutzen ist ganz offen einseitig, manchmal sogar unwahr. Ich mußte ihn deshalb an einigen Stellen mit Randbemerkungen versehen. - In meinen Gruppenstunden lege ich größten Wert darauf, die Jungen zu packen und ihr Interesse zu wecken, auch sie zum selbständigen Denken zu bringen, muß aber darauf achten, daß der Stoff für alle verständlich ist (nur die Hälfte besucht die Penne!), ich kann deshalb die kirchengeschichtl. Themen nicht so bringen, wie wir es aus unseren Fähnlein gewohnt waren. Es könnte sein, daß der Stoff für die einen höchst „spannend” ist, während er die anderen langweilt. Also gehen wir den berühmten Mittelweg! -
Heute vor 26 Jahren stürmten junge Kriegsfreiwilligenregimenter unter blutigsten Verlusten bei Langemark. Wir sprachen in der Schule davon; dabei erwähnte Spiecker Walter Flex und sein großartiges Buch. Unsere sonst so rauhe Klasse hörte ganz andächtig zu, als er einige wunderbare Stellen aus dem „Wanderer zwischen beiden Welten” vorlas. Es war der Geist eines Walter Flex, Ernst Wurche und der anderen jungen Menschen, gewachsen aus der Jugendbewegung, der bei Langemark das Opfer brachte. Ich dachte dankbar
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