Werner Vogt an Gisbert Kranz, 14. Dezember 1940

Essen-Huttrop, d. 14.XII.40.

Lieber Gisbert!

Bevor Du in die Weihnachtsferien gehst, will ich Dir noch mal schreiben. In den letzten Wochen war mir fast jeder Tag zu kurz für die Arbeit, die getan sein wollte. Nicht nur die Schule nahm mich in Anspruch, auch in unseren Gruppen herrschte Hochbetrieb. Wir haben uns nämlich vorgenommen, für alle Gruppen eine feine Adventsfeier zu starten. Das erforderte viele Vorbereitungen, aber das gute Gelingen und die schönen Stunden entschädigten reichlich. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, Instrumenten, Schallplatten vom Jugendhaus, und nicht zuletzt den wunderbaren alten Adventsliedern aus dem „Kirchenlied” haben wir wirklich eine feine Feier gestaltet. Die Kirchengeschichte von Bartz habe ich mir heute abgeholt. Es ist mein Weihnachtsgeschenk. - Am 5. Dezember bin ich gemustert worden. „Leichte Artillerie” war die Entscheidung des Musterungsleiters. Ich bin bis 1. April 41 zurückgestellt. Überhaupt geht es jetzt immer rascher dem Ende zu. Unsere Lebensläufe sind (wenn Bertels es nicht, wie bei euch, vergessen hat), seit dem 1. Dezember in Koblenz. Am Tage vorher nahmen wir unsere letzten Zeugnisse vorm Abitur in Empfang. („Ich kann nicht klagen.”) Seitdem ist unsere Abteilung auf 6 Mann zusammenschrumpft; deshalb gibt es keine „langweiligen” Stunden mehr. Am Freitag hatte ich die „Ehre”, am Schreibtisch des Herrn Direktors eine Lateinarbeit zu schreiben. Wir waren nämlich schon in der Frühstunde angefangen und da nur dieses Zimmer zu verdunkeln ist, schrieben wir 6 im Direktorzimmer. (Frosch: „Wir tun so, als seien wir in der Abiturarbeit.” - Kürzlich: „Rudolph, wiederholen Sie übersetzenderweise!” Da lachen die Hühner.) Spaß gilt es bei uns auch durch die lustigen Feldpostbriefe der eingezogenen Kameraden. Wir haben jetzt als Antwort einen

(zum größten Teil lateinischen) Brief als Antwort abgeschickt. Das war ein Gaudium! - Auf jeden Fall sind wir noch in bester Laune, als ob es keine Schlußprüfung oder keinen Oberschulrat gäbe. So schlimm ist es ja auch nicht. - Lieber Gisbert! In den Weihnachtsferien werden wir uns sicher sehen und aussprechen. Ich wünsche Dir aber schon jetzt zum Weihnachtsfest 1940 Gnade und Freude.

Mit frohem Gruß
Werner