Werner Vogt an Gisbert Kranz, 23. März 1941

Essen, den 23.3.41.

Lieber Gisbert!

Einen frohen Sonntagmorgengruß sende ich Dir in Deinen neuen STandort.

Nun mußt Du also auch das Soldatenleben mit seinen Licht- und Schattenseiten durchkosten wie viele andere vor Dir. Ich wünsche Dir nur, daß man Dir nicht auf Grund Deiner Haltung das Soldatsein verbittert. Daß Du Dich nicht unterkriegen läßt und auch in schwerem Dienst Deinen Mann stellst, weiß ich - unser Glaube fordert ja, daß wir dort, wohin wir gestellt sind, ganz und freudig stehen. Auch ich muß mich schon mit dem Gedanken vertraut machen, meine Umgebung mit den mir liebgewordenden Menschen aufgeben zu müssen, um in einem neuen Kreis neue Aufgaben erfüllen zu müssen - mit Spaten und Hacke. Noch sind mir einige Wochen der Ruhe

gegönnt nach anstrengenden Wochen Der Vorbereitung auf unsere Reifeprüfung; sie war in der Tat nicht leicht zu nehmen - und einer von uns mußte die Erfahrung machen, daß da, wo gehobelt wird, Späne fallen. Nun aber alles überstanden ist, freuen wir uns, daß uns das Abitur keine Farce war. - Ich habe nun endlich einmal Zeit, mich ganz der Arbeit an der Jugend und dem persönlichen Studium hinzugeben. Ich betrachte meine bisherige Schulzeit und den guten Abschluß nicht so sehr als etwas schon Erreichtes, sondern nur als erfüllte Vorbedingung für meine Zukunft. Auch unser Deutschlehrer sagte uns als Abschiedswort, daß wir nicht glauben dürften, nun bereits die Schätze unserer deutschen Literatur gehoben zu haben, sondern daß wir nur die Schlüssel empfangen haben, diese Schatzkammern zu öffnen. „Selig, die Hunger und Durst haben” - dies

war sein letztes Wort an uns - und wir alle sind uns einig, daß dieser Deutschlehrer uns eine besondere Gnade war, der uns mehr gegeben hat, als man in einer Prüfung feststellen kann. - So darf ich sagen, daß meine letzten Schuljahre die glücklichsten waren und ich glaube, daß sie für mein späteres Leben von Bedeutung sein werden.

Lieber Gisbert, nochmals grüße ich Dich und wünsche Dir alles Gute für die nähere und fernere Zukunft
Dein Werner