Herbert Weise an Gisbert Kranz, 13. April 1941

Hannover-Bothfeld, d. 13.4.41.

Lieber Gisbert!

Für Deinen Brief recht herzl. Dank. Von der Flak scheinst Du ja eine tolle Vorstellung zu haben. Ich danke Gott auf Knien, dass ich gerade zu Flak gekommen bin und nicht zur Infanterie!!! Ich bin am Kommandogerät, ein Werk deutscher Technik und vor allem deutschen Geistes (der Erfinder ist im Irrenhaus gelandet!), das Du Dir garnicht vorstellen kannst. Näheres kann bzw. darf ich Dir nicht angeben. Die Arbeit am Gerät ist sehr interessant, besonders die Theorie des Gerätes und der Flakschiesslehre!

Nun zu Dostojewski! Da Du meine Stellung zu ihm als für Dich unmassgeblich bezeichnest, möchte ich das Umgekehrte vor meine Betrachtungen setzen (Du siehst, Polemik gegen Polemik!)! Du scheinst mich aber mal wieder falsch verstanden zu haben. Es mag

richtig sein, dass D. in seiner Problematik all den vor Dir angeführten Grössen äquivalent ist, aber erstens ist ja Kunst und Metaphysik immer rassisch gebunden. Zweitens möchte ich bezweifeln, ob die von ihm dargestellten Probleme uns heute noch (und gerade uns Deutsche noch bewegen, und drittens möchte ich behaupten, dass er im Gegensatz zu den Grossen deutschen Künstlern eine dekadente, um nicht zu sagen destruktive Weltanschauung (wie sie ja dem Russen sehr naheliegt) vertritt und auslebt. Und einen solchen Mann nicht als Künstler, als Menschen, der anderen etwas geben soll, das sie besser und edler macht (was z. B. Brahms von der Kunst fordert, auch Schumann in seinem berühmten Aufsatz über Brahms „Neue Bahnen”) anzuerkennen, ist meiner Ansicht nach nicht engstirnig, sondern Reaktion eines gesunden und vor allem ideal ausgerichteten Menschen auf Probleme, die uns entgegen Deiner Behauptung reichlich fernstehen. Ich finde es bedeutend lohnender und fruchtbarer, sich mit uns gleichstehenden Geistern auseinanderzusetzen, was noch lang nicht voraussetzt, dass man Andere nicht kennen soll, aber man soll sie als das nehmen, was sie für uns nur sein können, nämlich Fremdkörper in unserem Denken, Rauschgifte, Abwechslungen,

die jeder Mensch braucht. Das ist meine Stellungnahme zu allen uns nicht verwandten Kultur- u. Geistesprodukten. Ich empfinde eben nicht inter- bzw. übernational wie Du, sondern national. Das soll kein Schlagwort sein! Hoffentlich hast Du das Osterfest gut verlebt, u. recht herzl. gegrüsst von Deinem Herbert.