Georg Laun an Gisbert Kranz, 29. April 1941

Katerini, den 29.4.1941.

Lieber Gisbert!

Endlich haben wir wieder Verbindung miteinander, um von Zeit zu Zeit einige Zeilen auszutauschen. Ich habe oft an Dich gedacht und an unsere schöne Arbeitsdienstzeit und freue mich, daß auch Du mich nicht vergessen hast. Du wirst lachen, ja heute sage ich im Arbeitsdienst war es schöner. Wenn Du vielleicht mal aus der Kaserne heraus kannst zu einem Feldtruppenteil in einem fremden Lande, dann ist es noch einsamer, als in der Eifel. Trotzdem die Zeit in Frankreich werde ich nie vergessen, besonders zwei Monate Paris. Nach Paris kamen wir nach fünf Wochen in die Vogesen. Hier begann schon die Einsamkeit in kalten Tagen und nichts als Schnee und Eis. Im Januar wurden wir dann verladen und die große Fahrt nach dem Südosten begann. Am 26ten Januar kamen wir in Slatina im Süden Rumäniens an, als wir in Frankreich wegfuhren, glaubten wir im Südosten sei es wärmer. Hier war es genau so kalt, wie in Frankreich. Fast fünf Wochen verbrachten dann in einsamen Dörfern Rumäniens, mehrere Dörfer, weil wir ja andauernd den Standort wechseln. In diesen Dörfern gab es annähernd soviel Hunde wie Menschen. Ohne einen Stock in der Hand konnte man kein Quartier betreten oder verlassen. Viele Hunde mußten ihr Leben lassen durch den Landser. Was das Volk anbetrifft, so kann ich sagen, daß es das faulste Volk ist auf dem Balkan. Wenn wir auf unserem Antreteplatz angetreten sind, dann standen mehr Rumänen drum herum, als

wir selbst an Zahl waren. Ihre Sitten und Gebräuche sind sehr interessant, besonders eine Hochzeit und eine Beerdigung. Aber mit der Zeit fällt es einem auf die Nerven. Ihre Lebensweise ist sehr primitiv und gegen die unsere noch 100 Jahre zurück. Ihr Hauptnahrungsmittel ist das sogenannte „Mamelika” Brot, das nur aus Mais besteht und als Getränk Wasser. Sonntags gibt es dann etwas Dörrfleisch noch dazu und Tee oder etwas Wein, wenn auch nicht vom Besten. Wir waren froh, als wir am 3. März abends um 10.30 die Donau überschreiten konnten bei Turnu Maguarele, unseren Fuß auf Bulgarischen Boden zu setzen. Während man in Rumänien auf den Straßen und in Dörfern vor Dreck und Schlamm stecken blieb, so hatten wir doch in Bulgarien etwas bessere Straßen. In den Dörfern wurden wir jubelnd von der Bevölkerung empfangen und man reichte uns Brot gekochte Eier und Wasser. Ein ganz anderer Menschenschlag, als die Rumänen. Die Rumänen waren neugierig und furchtbar verstohlen, deshalb die vielen Hunde und unsere Sachen mußten wir bei ihnen ebenfalls gut verschließen, was wir bei den Bulgaren nicht brauchten. Nach 18 Tagen hatten wir die griechische Grenze südlich Nevrokop erreicht. Hier lagen wir in einem Tale, geschützt durch einen Höhenzug, in Zelten. 14 Tage verbrachten wir hier mit etwas Ausbildung im Gelände bei großer Hitze, bis dann der 6. April kam, der uns dann wieder in ein neues Land führte, wenn auch etwas anders, als wir seither gewohnt waren. Am 5. April, es war an einem Samstag wurden wir aus dem Gelände ge-

holt und es hieß sofort Zelte abbrechen und packen. Ich froh, daß endlich die Stunde gekommen war zum Erstenmal für mich gegen den Feind anzutreten, um zu zeigen, daß ich Mut und Kraft besitze und nicht feig. Denn die Meisten von uns waren schon gegen Frankreich eingesetzt und glaubten schon mehr geleistet zu haben, als wir. Am Abend trat das gesamte Batallion noch einmal an und unser Batallionskommandeur gab noch einige Anweisungen zum Kampf und forderte jeden auf, sein letztes herzugeben im Kampf. Um 24 Uhr setzten wir uns in Marsch, um beim Morgengrauen anzugreifen. Gegen 4 Uhr kamen wir in die Ausgangsstellung, um 5.20 fielen die ersten Schüsse bei der Einnahme der Zollhäuser. Wie Du vielleicht weißt bin ich in der 4. Kompanie, die ja die sogenannten schweren Waffen der Infanterie besitzt, S.M.G. und schwerer Granatwerfer. Wir waren mit zwei S.M.G. der ersten Kompanie unterstellt. Vom Feind hörte man nichts und sah auch nichts. Mittags um 12 Uhr hatten wir unser Tagesziel erreicht. Es war dies ein 800 m hoher Berg links des Tales. Wir waren froh, als wir oben waren, denn Du wirst schon gesehen haben, was die M.G.K. zu schleppen hat und dann noch ein heißer Tag und nichts zu trinken. Wir warteten dann den Abend ab, um den Berg hinabzusteigen, um den befestigten Berg „Maillanga” jenseits des Tales anzugreifen und zu nehmen. Doch die Griechen hatten unsere Absicht erkannt und legten Sperrfeuer ins Tal, sodaß wir nicht durchkamen. So lagen wir den zweiten Tal in voller Deckung, ohne einen Schuß abzugegeben.

Am Abend machte das ganze Batallion Stellungswechsel um beim Morgengrauen von hinten anzugreifen. Dies war der dritte Tag, der die Ersten Toten und Verwundete in unsern Reihen brachte. Während wir uns vorarbeiten um das Tal zu erreichen und zu durchqueren ist es Tag geworden und der Feind hat uns erkannt. Von drei Seiten erhalten wir jetzt Feuer. Ein Artelleriefeuer, wie es die Frankreichkämpfer selbst noch nicht erlebt hatten. Während die Ersten durch das Tal, an den gegenüberliegenden etwas geschützen kamen, mußten wir im Tale in einem kleinen Bache liegen bleiben, da es unmöglich war hindurchzukommen. In der Zeit von 9-11 Uhr gab es viele Verwundete und Tote, diese Stunden werde ich nie in meinem Leben vergessen. Jedem Augenblick glaubte man jetzt ist es aus, wenn die Granaten einschlugen, so nahe, daß ich einmal selbst mit Dreck bedeckt war, daß die Kameraden geglaubt haben, es wäre mir etwas passiert. So blieben den ganzen Tag im Graben liegen, obwohl es regnete und das Wasser immer höher stieg. Wir atmeten auf, als der Abend kam und wir uns am geschützten Hang niederlegen konnten mit der nassen Zeltbahn über dem Kopf, um uns von den Strapazen des Tages etwas zu erholen und den neuen Tag zu erwarten. Am nächsten Tag sollten wir dann die Höhe angreifen, doch es kam nicht mehr dazu. Wir hörten, daß deutsche Panzer in Saloniki seien und die Mazedonien Armee kapituliert habe. Man war bereits mit einem Parlamentär in Verbindung getreten um die Festung

Maillanga kampflos zu übergeben. Wir waren froh, daß wir dieses hörten, denn wir inzwischen so nahe herangekommen, daß wir Bunker feststellen konnten genau wie bei uns am Westwall. Man muß bedenken, daß wir ohne schwere Waffen angreifen mußten. Unsere Artellerie und I.G. hatten schwere Verluste. Nur ein Geschütz war noch in Stellung, das war alles was von den schweren Waffen übrig blieb. Wir hatten uns in dem Griechen gewaltig verschätzt, denn mit solch einem harten Widerstand hatten wir nicht gerechnet und jetzt konnten wir erst verstehen, warum der Italiener nicht vorwärts kam an der Albanienfront. So war es ein Glück, als der Waffenstillstand kam. Die Besetzung durfte frei abziehen und bevor der Abend kam, zogen wir den Berg hinauf um uns nach vier Tagen harten Kampf auszuschlafen. Am nächsten Tag durften wir dann die Befestigung besichtigen. Was wir da an Waffen, Munition und Lebensmittel fanden, war fast unglaublich. So hatten wir Gelegenheit uns wieder einmal satt zu essen. Die Waffen wurden aus den Stellungen gebracht und gesammelt. So kamen 40 schwere M.G.'s, 3 Artelleriegeschütze, 2 I.G. Geschütze, 2 Flack- und 2 Packgeschütze, sowie 4 schwere Granatwerfer zum Vorschein. Inzwischen war bekannt geworden, daß das erste Batallion 8 Tote und über 40 Verwundete hatte und das zweite Bataillion über 40 Tote und ungefähr 100 Verwundete hatte. So viel Tote und Verwundete, ohne einen Bunker genommen zu haben. Was hätte es gegeben wenn wir erst gestürmt hätten. Nicht wir Infanteristen gewinnen den ...., sondern unsere Panzer, Flieger

und unsere Marine. Dies war der Kampf um „Maillanga”. Inzwischen waren wir schon einige Tage in Saloniki, welche für die Verhältnisse hier eine schöne Stadt ist, aber nicht mit den Städten Deutschlands konkurieren kann. Jetzt befinden wir uns bei Katerini am Fuße des sagenhaften Götterberg der Griechen „Olymp”. Es ist ein herrlicher Anblick zu diesem gewaltigen Bergmassiv, das sich aus der Ebene bis zu 2911 m emporhebt, die Gipfel sind noch mit Schnee bedeckt, obwohl die Sonne glühend heiß herniederbrennt. Der Krieg in Griechenland geht dem Ende zu, wir werden nicht mehr einzugreifen brauchen, denn bei uns beginnt schon wieder das Exerzieren wie in der Kaserne. Vielleicht haben wir das Glück bald in die Heimat zu kommen, denn den ganzen Sommer möchte ich nicht hier sein, nicht weil es so heiß wird. Ich bin jetzt schon über ein Jahr in fremden Ländern. Einen Zusammenhalt und Kameradschaft wie im Arbeitsdienst, kann ich hier beim Militär nicht feststellen. Ich glaube der Altersunterschied ist zu groß, weil wir so viel Reservisten haben. So kannst Du Dir vorstellen, daß man sich nach Hause sehnt, um sich wieder einmal richtig auszusprechen. Ich glaube, daß ich für heute genug geschrieben habe und das versäumte soweit nachgeholt habe. Ernst Moos hatte ich im Oktober das letztemal geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Ich nehme an, daß inzwischen auch zu einem Feldtruppenteil versetzt worden war und der Brief ihn nicht erreicht hat.

Es grüßt Dich aus weiter Ferne
Dein Georg Laun