Herbert Weise an Gisbert Kranz, 30. April 1940
Hannover-Bothfeld, d. 30.4.41.
Lieber Gisbert!
Für Deinen Brief zunächst meinen herzl. Dank. Du hast schon recht, meine Dostojewski-Kenntnis ist nicht gross, ich habe von ihm nur „Schuld und Sühne” gelesen. Da ich annehme, dass Du (aufgrund Deiner Arbeit, deren Erfolg mich sehr freut) Dich tiefer m. D. beschäftigt hast, muss ich Dir gestehen, dass man, soweit es meine Erinnerung an das gelesene Werk noch gestattet, ihn sehr gut auch von Deinem Standpunkt aus sehen kannst. Du magst mit Deiner positiven Deutung wohl recht haben. Nur, was mich damals so abstiess, was wohl bei allen russischen Schriftstellern der Fall ist, ist das Elendsmilieu, in dem sich die Handlung abspielt. Dadurch bekommt man leicht den Eindruck, dass die Personen Verkörperer und Mitglieder der in diesem Milieu wachsenden Haltung
sind. Deine Vermutung über eine Rosenbergsche Beeinflussung meines Urteils stimmt allerdings nicht, da ich jedes Kunstwerk völlig unvoreingenommen in mich aufzunehmen pflege. Da es schon sehr lange her ist, seitdem ich den Raskolnikoff gelesen habe, kann ich natürlich nichts Konkretes über Person und Situation sagen. Wie gesagt, ich möchte nicht mehr darüber urteilen, bevor ich nicht etwas Anderes von D. gelesen haben, da das aber noch sehr lange dauern kann, müssen wir den Disput leider aufgeben, aber da Du wohl auch Lektüre über D. gelesen haben wirst, dürfte Dein Urteil wohl zutreffen.
Was mich überraschte, ist Dein Stil, der sich an den 200 Seiten wohl sehr geschliffen hat umd wirklich (ohne Dir ein Kompliment machen zu wollen!) überdurchschnittliches und persönliches Gepräge trägt.
Anbei sende ich Dir einige Gedanken, die ich in einer stillen Stunde einmal aufgeschrieben habe. [Vgl. März 1941]
Schreib mir nun bitte recht bald wieder und sei herzlich gegrüsst
von Deinem Herbert.