Herbert Weise an Gisbert Kranz, 19. Mai 1941
Hannover, de. 19.5.41.
Lieber Gisbert!
Für Deinen langen Brief meinen aufrichtigen Dank. Es hat mich gefreut, zu sehen, dass Du meine Gedanken so gut verstanden und aufgefasst hast. Allerdings von Deinem Standpunkt aus, nämlich, dass Gott Persönlichkeit ist, während er bei mir Wesen ist. Aber es ist geradezu erstaunlich, wie sich unsere Ideen decken, wenn man, wo Du von „Willen Gottes” sprichst, das „Wesen der Welt”, „Kosmos” setzt. Dann stimmen sie genau überein. Und doch besteht ein Unterschied in der Betrachtung. Bei mir sind die Ideen gewachsen aus Fühlen, Empfinden und - wie Du sehr richtig ergänzt - aus dem sicheren Glauben an ein allumfassendes Wesen, und Du gehst dann hin und betrachtest sie kritisch mit eienr 2000-jährigen Lupe und stellst dann fest, dass sie sogar wesentliches christliches Gedankengut enthalten, und klaubst
sie dann auseinander und du [..]leuchtest sie mit der „Persönlichkeit Gottes” und der „Unterwerfung unter Gottes Willen”. Und dass Du Dich über den Ausdruck „göttliches Dasein so aufhältst! Du hast doch sicher verstanden bzw. gefühlt, was damit gesagt sein will: der Mensch als Teil Gottes besitzt doch ein göttliches Leben, ein göttliches Dasein, nicht? Ich finde, gerade Philosophien und persönliche Religionen (Rückverbindungen, daher auch als einzelne, persönliche Erscheinungen möglich, sogar nötig!) kann man niemals auseinanderreissen und „auslegen” bzw. bekämpfen, denn sie erwachsen ja aus einer bestimmten Haltung, und das Denken und Fühlen des betr. Menschen spielt sich ja nur in den seiner Haltung gemässen und gegebenen Kategorien ab, kann ja keine anderen, seiner, ich möchte einmal sagen: „Lebensrichtung” zuwiderlaufenden Wege gehen. Und jeder Mensch hat doch eine andere Richtung. Man kann grosse Massen, Völker aus„richten”, Du siehst es ja an uns, aber einige Individuen, deren Weg direkt zuwider läuft, fallen eben aus dem Rahmen heraus. Und da unser beider Richtungen ja auch einander entgegenlaufen, war es wohl sehr aufschlussreich für mich, Dein Urteil zu hören, aber eigentlich, wie wir schon früher festgestellt haben, einmal wieder, wenigstens in letzter Hinsicht, unfruchtbar.
Das soll nicht bedeuten, dass wir unseren Briefwechsel aufgeben könnten, nein, es ergeben sich ja immer wieder Streitäpfel oder ab u. zu mal ein Gebiet, wo wir uns, wenigstens in grossen Zügen, einig sind, wie jetzt, und auch ein solcher Briefwechsel kann einmal Früchte tragen.
Nun noch etwas: Du übersetzt „humanitatis nostrae fieri dignatus est particeps” mit „er liess sich herab”. Nun weiss ich ja nicht mehr genau, was „dignatus” heisst (bei „dignus” wäre der Fall wesentlich einfacher), aber immerhin verbindet sich doch damit noch noch der Begriff des Würdigseins, vielmehr des Würdigwerdens, und nicht der der Entwürdigung, der bei einer „Herablassung” immer Anteil hat! Erkläre mir das doch bitte! Sodann sagte mir Jupp Stemmrich einmal in einem unserer Gespräche, es sei Gottes höchster Wunsch, Person zu werden, und darum habe er sich in Jesus Christus inkarniert! Was meinst Du dazu? Dass Dir übrigens Jupp Stemmrich gefällt, kann ich mir lebhaft vorstellen.
So, nun etwas zu meinen näheren Umständen. Wie Du siehst, liege ich im Lazarett an Mittelohrentzündung und
Angina (Hals). Da ich vor einigen Tagen wahnsinnige Schmerzen am Ohr hatte, habe ich tagelang nicht geschrieben, und so bist auch Du etwas ins Hintertreffen geraten. Habe vor 3 Tagen noch 39,2° Fieber gehabt. Jetzt ists wieder normal. Die Angina wird auch bald weg sein, nur das Trommelfell, das sich vor einer Woche geöffnet hat, muss sich erst wieder schliessen, was noch einige Zeit dauern wird. Seit der Woche läuft das Ohr ununterbrochen!
Sodann entschuldige bitte den zerrissenen Briefbogen, aber wie Du siehst, wollte auch der zweite das Gleiche, es liegt also am Block.
Nun sei recht herzlich gegrüsst und lass bitte bald wieder etwas hören
Dein Herbert.