Herbert Weise an Gisbert Kranz, 29. Mai 1941

Hannover, d. 29.5.41.

Lieber Gisbert!

Für Deinen Brief vielen Dank. Was Du über die Tatsache schreibst, dass wir beide die, wie Du meinst, philosophischen Begriffe verschieden gebrauchen, stimmt schon. Nur sind das eben nicht nur philosophische Begriffe, und ich gebrauche sie so, wie ich sie auffasse und wie sie sich mir mit lebendigem Inhalt erfüllen. Da ist z. B. mein Gottesbegriff. Du hast recht, er ist nicht transzendent, was aber nicht besagt, dass er nun immanent sein muss, im Gegenteil, Gott manifestiert sich mir in all den kleinen und grossen Wundern der Natur, des täglichen und des nicht alltäglichen, des - ich möchte sagen - künstlerischen Lebens. Er ist der nicht nur von meinem subjektiven Erkennen und Empfinden abhängig, sondern - wie Du ja wohl aus meinem damals mitgeteilten Essay ersehen kannst - er ist aus einem Glauben, aus einem - ich möchte einmal sagen - mythischen Fühlen gewachsen, das in seiner Bestimmtheit und Stärke garnichts anderes für mich zulässt! Ich kann mich wohl in fremde Gedankenwelten hineindenken und z. T. auch -fühlen, aber

aus ihnen die letzten lebensmässigen Konsequenzen zu ziehen, bleibt mir natürlich wie allen anderen Menschen, die eine feste und klare Weltanschauung besitzen, auch, versagt. Ich möchte Gott nicht ein ens absolutinimum et perfektissimun[?] nennen, sondern ein ens aeternum[?] et ..... (ich weiss nicht, wie ich „allgegenwärtig” ausdrücken soll, was Du mir nach 2 Jahren ohne ein Wort Latein nicht übelnehmen darfst!) ein ens ase, sondern ein ens e se, ein ens in se, gegen das wir Menschen selbstverständlich nur entes in et ab alio sind.

Nach dem, was Du mir schreibst, habe ich so garnicht das Gefühl, dass ich mich mit meinem Latein „[..] blamiert” hätte. Dass dignatus eine Verbalform sein müsse, hatte ich wohl im Gefühl, was sich ja darin zeigt, dass ich vermutete, es müsse ein Würdigwerden, also einen Vorgang, einen Prozess, ausdrücken. Und siehe, es war richtig! Nur was ich tatsächlich absolut nicht zu verstehen vermag, ist Deine Behauptung, würdig werden und sich herablassen seien keine Gegensätze! Wenn man eine Würdigkeit irgendwozu zugesprochen erhält, wenn man also „würdig wird”, so zeigt das doch unzweifelhaft eine Tendenz nach oben, während im Worte herablassen doch schon die Tendenz nach unten vorhanden ist. Dabei ist es doch vollständig gleichgültig, „wo man steht!”

Man kann sich wohl herablassen, ohne etwas an seiner Würde einzubüssen, aber man kann durch eine Herablassung niemals eine Würdigkeit erwerben!

Noch etwas zu meinem Gottesbegriff: Gott ist für mich der mütterliche Schoss allen Lebens, aus dem alles kommt, zu dem alles zurückkehrt und in dem sich alles erneuert. Du wirst Dich über den Ausdruck „mütterlich” wundern, aber das Sein in seinem tieferen Sinn trägt doch unbedingt mütterlichen Charakter, denn die Mutter ist doch das Symbol allen Werdens, der Schoss allen Lebens. Du siehst also, meine Religion geht nicht den Weg über philosophisch klug gefasste Sätze und Delektik, sondern sie wurzelt und wächst in und aus dem tiefen Mythos des Lebens, wie ihn jeder Mensch, der nicht von Jugend auf durch seine Erziehung dagegen abgestumpft ist, in sich schwingen fühlt in dem grossen Rhythmus von Geschlecht zu Geschlecht und Epoche zu Epoche. Vielleicht lächelst Du über die etwas dichterische Form meines Bekenntnisses, aber solche Dinge kann man meines Erachtens und Fühlens nur aussprechen, indem man sich künstlerischer Ausdrucksmittel bedient. Musik ist die reinste Offenbarung einer Religion, da sie die un-

körperlichste, die seelischste aller Künste ist. Vielleicht kannst Du jetzt verstehen, welche Rolle die Musik in meinem Leben spielt und weshalb sie sich gerade bei mir spielt. Alle [..]lichen Musiker sind eine Art von Menschen, die von einem Bedürfnis erfüllt ist, ihre Religion auf das Vollkommenste auszudrücken und das Ideal möglichst vielen Menschen nahezubringen, nein einzupflanzen durch die unmittelbare Wirkung der höchsten der Künste, der Musik.

So, und nun teile mir bitte einmal mit, was ein KOB ist, und was eine Ula ist. Ein Unteroffizierslehrgang kann es doch nicht sein, und eine andere Erklärung für diese tolle Abkürzung kann ich nicht finden.

Nun nimm viele Grüsse und die herzlichsten Wünsche zum Pfingstfest entgegen
von Deinem Herbert.