Herbert Weise an Gisbert Kranz, 6. Juni 1941

Hannover, d. 6.6.41.

Lieber Gisbert!

Vielen Dank für Deinen mal wieder recht agressiven Brief. Bevor ich nun darauf eingehe, einiges über den Begriff Gott (auf Deinen Wunsch betr. Begriffsklärung). Du nimmst Gott als Person, wenn auch als ens absoluti mimum et perfecti[?], aber immerhin, (wie Du ja in einem Deiner letzten Briefe schriebst) als solches muss er ja Person sein. Ich dagegen betrachte, wie ich Dir auch schön öfter sagte und schrieb, Gott als das Wesen, den Kosmos, die Kraft, die alles Leben zeugt und entwickelt. Das ist eben gegenüber dem (in grossen Zügen!) abstrakten Gottesbegriff ein - ich möchte sagen - in einem höheren Sinne konkreter Gottesmythos (Du machst Dich ja in Deinem letzten Brief anscheinend über meinen Ausdruck „mythisches Fühlen” lustig oder ironisierst ihn zumindest!) Jeder Mensch fühlt und denkt ja verschieden vom anderen (er ist eben Individuum, Persönlichkeit), also offenbart sich auch Gott jedem Menschen anders, denn Gottempfinden und Gotter-

kenntnis werden nicht durch Erziehung gebildet (mit leider heute vielen Ausnahmen!), sondern wachsen aus der sich entwickelnden Seele des Menschen heraus. Nun sich darüber zu streiten, ob diese Seele unsterblich sei oder nicht, ist bei den entgegengesetzten Richtungen unseres Lebens (Du erinnerst Dich noch an meinen letzten Brief) völlig zwecklos, da sich das eben aus der Welt-, Gottanschauung ergibt. Symbolisch gesehen ist die Seele natürlich unsterblich, aber schliesslich ist der Begriff „Seele” ebenso nur ein Wort für etwas uns Unfassbares, wie der Begriff „Gott”! - Du siehst also, dass Du mich anscheinend doch falsch verstanden hast: Gott ist für mich weder eine blosse Idee des Menschen noch eine geistige Halluzination! Und nun verstehst Du vielleicht, weshalb ich anstelle des ens a se das ens e se setzen möchte: Das ens a se ist etwas Einmaliges, Statisches, während das ens e se etwas sich Immerwiederholendes , Dynamisches ist. Gott ist für mich nicht eine Person, die unerreichbar über uns thront, sondern ein Wesen, das sich in uns und der ganzen Natur gestaltet und erneuert, und aus dem alles Leben und auch Sterben kommt, oder besser, aus dem alles Leben kommt und in das hinab es wieder geht, um neu und geläutert daraus wieder hervorzusteigen in immer anderer und junger Form. Es steht ausserhalb der kleinen irdischen Kausalität, aber es ist doch einbegriffen in den Wandel, in das Atmen

des Kosmos, und also stehen auch wir in unmittelbarer Verbindung mit den grössten und hehrsten Dingen der Welt, mehr, als wir uns einbilden in Verbindung zu stehen mit dem, was wir hier auf Erden wohl sehen und hören und greifen können, aber das wir ohne den Glauben eben an einen Gott niemals begreifen werden.

Die Eichendorffschen Novellen, Romane und Gedichte kenne ich alle und kann wohl sagen, dass Dein Urteil, so überschwänglich es klingen mag, aber zu schwach ist, alle die Köstlichkeiten, die in diesen Werken liegen, zu umreissen. Leider habe ich augenblicklich keine Gelegenheit, E. zu lesen, denn er war schon mehrere Jahre hindurch immer meine Lektüre an so herrlichen Sonnentagen, wie sie jetzt sind.

Und Du wirst also einmal Leutnant werden. Wie hast Du das denn angestellt? Ich persönlich habe nicht für einen Pfennig Interesse dafür und Verständnis, wie Du dazu kommst. Kannst Du mir das einmal erklären?

So, nun grüsse ich Dich herzl. mit allen guten Wünschen zum Erfolg
Dein Herbert.