Johannes Kiel an Gisbert Kranz, 20. Oktober 1941

Bonn, den 20. Okt. 1941

Lieber Herr Kranz,

soeben erhalte ich Ihre Karte, die mir den Beginn Ihrer aktiven Teilnahme am Kriege und damit auch der Beginn der Besorgnisse um Sie mitteilt; sofort will ich Ihnen mit einem herzlichen Gruß aus der Heimat antworten; aber noch mehr! Ihnen auch mitteilen, daß ich von jetzt an umso mehr Ihrer gedenken werde, daß Gott der Herr Sie wohlbehalten an Seele u. Leib aus dem schweren Kriege zurückführen möge. Ich bin ja überzeugt, daß auch diese Etappe Ihres Lebens Ihnen u. Ihren Kameraden zum Segen ge[..] werde; nicht allein, daß das Vertrauen auf Gott gestärkt werde, nein, das nicht allein, - auch daß es Sie mit Menschen, zusammengewürfelt aus allen Berufen, Lebensanschauungen u. Lebenshaltungen, kommend aus den verschiedenartigsten Familien u. Gegenden zusammenführt, das ist für Sie und die Beurteilung der Menschen, denen Sie mal dienen sollen, von großem Werte. Sie reifen schneller in der Beurteilung der Menschen u. der Lebenserscheinungen, als wir früher. Was mich in Beziehung am meisten vorangebracht, das war - nun staunen oder erschrecken Sie nicht, - eine 1 ½ Jahr währende Seelsorge unter ca 350 Zuchthäuslern, und nur die Wahrheit des Satzes - wenn auch nicht unter allen Umständen mehr ist u. gelten kann, - Menschen verstehen heißt Menschen verzeihen! zum Bewußtsein kam. - Hier, in den Theologenkreisen ist noch

unter allen Wipfeln Ruh'. Wir beginnen das neue Semester lt. Ministerialbestimmung erst am 18. Nov. und dann dauert's bis zum 12. März. Voraussichtlich werden 16 (!) Theologen, darunter 6 oder 7 aus Eupen zur Stelle sein. Die Namen der im August u. Sept. Gefallenen wird Ihnen wohl bekannt sein:
Franz Kramer aus Köln gefallen am 12. Aug.
Wilh. Mombour aus Wissen gefallen am 16. Aug.
Gottfr. Bauer aus Godesberg gefallen am 17. Aug.
Heinr. Humbs aus Duisburg-Huckingen 19. Aug.
Jos. Sottgießer aus Mülheim Ruhr 25. Aug.
Franz Rehe aus Köln 23. Aug.
Franz Hollmann aus Köln [..] seit 1940 1 Sept.

Persönlich habe ich auch einen Verlust zu beklagen; einer meiner Neffen, der mir sehr nahe stand, fiel am 22. Sept. Ich empfehle sie alle Ihrem Gebete.

Und nun seien Sie mir besonders Gott anbefohlen; wir bleiben im täglichen Gebete einander nahe.

Frd. Gruß stets
Ihr Kiel.