Klaus Malangré an Gisbert Kranz, 20. Oktober 1941

Oberhausen Rl. den 20. Okt. 1941.

Lieber Gisbert!

Als ich heute abend vom Dienst heimkam, fand ich Deinen Brief vom 15.X. Ich danke Dir für diesen Brief, der mir Freude bereitet hat trotz seiner traurigen, besser: schweren Zeilen. Gefreut habe ich mich eben darüber, daß Du so zu mir schreibst, solche Worte zu mir findest, die zeigen, daß unser Freundschaftsverhältnis durch die Trennung nicht gelitten hat, ja eher noch vertieft wurde. Ja, Gisbert, ich verstehe Dich so gut; ich gehöre zu Euch, zu unserem alten Semester, zu denen, mit denen ich so manche feine Stunde erleben durfte. Wenn Du in Deinen Gedanken Dir vorstellst, wie gut ich es habe, erst in Freiburg u. nun vielleicht in Tübingen, so stimmt mich das traurig. Lieber möchte ich zu Euch gehören u. Euer Leid teilen, wie wir zusammen in Bonn u. Paderborn Freuden geteilt haben. In Freiburg, wo ich so ganz alleine da stand, hat dieser Gedanke immer wieder Fuß zu fassen gesucht. So mußte ich mir immer vor Augen führen, daß dies eine besondere Gunst bedeute, und ich so eine besondere Aufgabe hätte. Ich mußte diese Bevorzugung zu würdigen wissen, hätte es ja doch keinen Zweck gehabt, mit eigenem Willen mir ein anderes Los zu suchen. So habe ich viel u. oft an Euch gedacht, an jeden einzelnen. Vielleicht kannst Du verstehen, wie weh es für mich war, wenn einzelne Consemester od. Theologen aus Oberflächlichkeit und etwas Neid von dem mir noch möglichen Studium sprachen. Ich kann es als Theologe, der noch im Studium steht nicht verantworten, mich zum Militär zu drängen (und das

wirst Du wohl verstehen). Wenn ich gerufen wede, gehe ich, genau wie Ihr auch gegangen seid. Dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen zu sein. Ich bin nachgemustert worden u. warte nun auf den Gestellungsbefehl. Immerhin wäre es doch noch möglich, daß aus Tübingen etwas würde; dann wäre ich dem Herrn doppelt dankbar. Das Semester würde dort erst am 18. Nov. beginnen. - Augenblicklich arbeite ich noch immer auf dem Büro, schon seit drei Monaten. Die sture 9 stündige Büroarbeit ist auch kein Vergnügen für mich. - Hast Du meinen Brief, den ich vor drei Wochen an Deine frühere Adresse sandte nicht erhalten? Ich war damals vier Tage in Bonn zu Exerzitien, die Dr. Klaus Mund hielt. Es waren feine stille Tage, die mir sehr gut getan haben. - Gerade geht die Sirene: 21.15 h. Hier im Ruhrgebiet ist in den letzten Wochen wieder die Hölle los! - In Bonn war es sehr still, wir waren zu 32 Theologen. Da der Jahrgang 1922 nun eingezogen ist, werden im kommenden Semester keine 20 Leute mehr dort sein. „Et pro fratribus nostris absentibus” schallte immer wieder der Ruf durch die Kapelle. Weißt Du noch, wie der Chef mal in der Kipp davon sprach, daß die Soldaten u. alle Brüder draußen zur großen Communität gehören? Dies Wort dürfen wir nie vergessen, das war ein wahres Wort des Chefs. - Wenn auch alle von uns heil wiederkommen würden, Gisbert, unsere frohe Jugend haben wir opfern müssen, unsere ganze Generation, Jungen u. Mädchen. Sicher ist das ein großes, ein tragisches Opfer; wir müssen reifen ohne den freudvollen Übergang von Kinde zum Manne erleben zu dürfen. Euch draußen wird das erst klar, wenn Ihr wiederkommt, denn Ihr leidet unter dem Druck Eures augenblicklichen Schicksals schwer genug. Siehst Du, ich

II

glaube, das ist unser großes 'prae': wir haben ein Ziel vor Augen, das uns hochreißen kann, und wir haben Semester hinter uns, deren Schönheit und Inhalt Erinnerungen haben, die auch unsere schweren Stunden erleichtern können. Die anderen kennen das nicht. Woher sollen sie also die Sehnsucht kennen wie wir. Wenn ich jetzt bei Dir wäre in all dem Dreck, wie gerne möchte ich mich mit Dir so aussprechen, u. wie schön wäre das. Glaube nicht, Christel, ich verstände Dich nicht, weil ich „es gut habe”; demnächst werde ich das Verstehen aus eigener Erfahrung wieder neu lernen. -

Lieber Gisbert! Ich trage mich mit dem Gedanken einmal noch vor meiner Einziehung einen Rundbrief an alle Consemester zu schreiben und jedem etwas über das Schicksal des anderen zu erzählen. Ich glaube, daß dieser Gedanke Beifall findet und habe deshalb alle gebeten, mir ihre Erlebnisse mitzuteilen. Diese Mitteilungen werde ich dann zusammenstellen, noch einiges dazuschreiben und für jeden durchschlagen. Auch Dir habe ich an Deine alte Adresse eine solche Aufforderung gesandt; aber Du hast mir ja das Neueste von Dir schon geschrieben. -

Nun will ich schließen. Oremus pro invicem! Sei noch einmal bedankt für Deinen Brief. Meine besten Wünsche sind bei Dir.

Sei herzlich gegrüßt
Dein Klaus.