Werner Vogt an Gisbert Kranz, 6. Februar 1942
Düsseldorf, den 6.II.1942
Lieber Gisbert!
Nimm seit langer Zeit mal wieder einen Gruß von mir! Dein Brief aus Neuruppin war für mich eine freudige Überraschung! Denn auch ich hatte in letzter Zeit mehr als sonst den Wunsch, mit Dir in Briefwechsel zu treten, besser gesagt, den alten wieder aufzunehmen, zumal ich gehört hatte, daß Du an der Ostfront seist. Nun liegst Du also in einem deutschen Lazarett; ich sende Dir mit meine besten Wünsche für Deine baldige Besserung und einen guten Heimaturlaub!
Jetzt einiges über meinen Weg in der letzten Zeit: Nach meiner Entlassung aus dem RAD mußte ich mich 48 Std. später schon in Spa in Belgien zur leichten Artillerie melden. Dort wurde ich in 3 Monaten als Funker ausgebildet. Es war eine schöne Rekrutenzeit ohne viel unnötige Härten. Das Weihnachtsfest haben wir in Belgien gefeiert; es bleibt als schönes Erlebnis in meiner Erinnerung. Wir hatten Gelegenheit zur Mitfeier des Weihnachtsmeßopfers und hörten ein herrliches Wort unseres Divisionspfarrers. Unter meinen Kameraden war ein Priester, der für uns in jener Zeit fast jeden Sonntag zelebrierte. Welch ein Unterschied zu meiner RAD-Zeit! Anfang Januar brachten wir unsere Besichtigung glücklich hinter uns. Einige Tage später begann für uns die dreitägige psychologische
Prüfung. Ich habe mich mit dem Psychologen u. a. sehr schön über F. Timmermans unterhalten. Wir landeten schließlich bei Ernst Wiechert und seiner Anschauung über den Dichter, wie er sie in seiner Rede „Der Dichter und die Jugend” darlegt. Wieder einige Tage später machten wir uns bereit zur Fahrt nach Düsseldorf, wo am 20. d. M. ein Ula-Lehrgang begann. So bin ich hierhin gekommen. Es geht gewaltig „rund”. Augenblicklich ist unsere Stube wegen Diphterieverdacht isoliert. Aus dem so naheliegenden Sonntagsurlaub wird also nichts. - Auch unter meinen neuen Lehrgangskameraden ist ein Priester, ein lieber Mensch und strammer Soldat, der mir gern ein gutes Buch leiht für den kurzen Feierabend. - Lieber Gisbert! Noch einmal wünsche ich Dir baldige Genesung und ich hoffe, daß wir uns im Laufe dieses Jahres wenigstens einmal sehen und die Hand drücken werden.
Mit Gruß und Heil:
Werner