Josef Breuer an Gisbert Kranz, 16. Februar 1942
Brünn, 16.2.1942.
Lieber Gisbert!
Eben bekam ich Deinen Brief, den mir der „Chef” schon angekündigt hatte, d. h. ich habe dabei stillschweigend vorausgesetzt, daß Du nicht so schreibfaul bist wie ich; worin Du mich ja auch nicht enttäuscht hast.
Wir hätten uns bei etwas mehr Glück in Marinpol treffen können. Denn bis zum 24. lag ich dort im Luftwaffenlazarett. Seitdem datiert meine Begeisterung für die Luftwaffe, weil sie mir eine Bahnfahrt von 14 Tagen durch einen fünfstündigen Flug nach Bukarest erspart hat, wo ich den Hl. Abend schon entlaust und reich beschert und allein deshalb schon überglücklich in weißen Betten lag. Nach den Weihnachtstagen wurden dann die Zehen amputiert. Sie
waren nicht mehr zu retten, was übrigens von Anfang an feststand. Sie waren nämlich einwandfrei verfault, der weiße Knochen stand heraus, und es drohte Infektion. Nun, ich glaube nicht, daß es sehr schlimm sein wird. Mit dem Marschieren ist es allerdings aus. Übrigens liegt der böse linke Fuß in Gips, und so kann ich schon etwas herumgehen; denn der rechte ist völlig heil geworden - bis auf die Nägel, die noch erst nachwachsen müssen.
Auf dem Hauptverbandsplatz lag ich nur eine Stunde, dafür aber vierzehn Tage auf einer elendiglichen Krankensammelstelle in irgendeinem schäbigen Dörfchen bei Taganrog.
Warum bist Du denn noch bis zum 19. bei der Kompanie geblieben? Wurde die Kompanie nicht mehr eingesetzt? Ich habe von Bukarest schon einen Brief an Dich geschrieben, in der Annahme, Du seist bei der Kompanie geblieben.
Den Antrag auf Verlegung ins Heimatlazarett nach Köln habe ich schon lange gestellt, er ist schon genehmigt, und ich warte nur noch darauf, daß dort Platz wird.
Hier hat es mir nicht einmal so schlecht gefallen. Unser Lazarett ist ein tadelloser Schulneubau. Die Stuben sind leider mit 12 Mann etwas sehr stark belegt. Fabelhafte Wiener Ärzte haben wir hier. Ich kann mir kaum vorstellen, daß jetzt nach so langer Zeit bei Dir noch etwas amputiert werden müßte. Auch glaube ich, daß Du nicht richtig behandelt worden bist, wenn Du noch so lange im Lazarett bleiben mußt. Denn wegen meines rechten Fußes, der wahrhaftig auch nicht wenig mitgekriegt hatte, hätte ich schon lange entlassen sein können.
Bis Bukarest war noch Ogefr. Penske (3. Zug) bei mir, seitdem habe ich niemanden mehr von uns gesehen. Bernd liegt im Lazarett in Krakau, ist aber wahrscheinlich schon auf Genesungsurlaub.
Den Angehörigen von Leo Jakobi habe ich geschrieben und erhielt darauf von ihnen den Totenzettel, den ich Dir beilege, da ich mir einen neuen besorgen kann. Daß Leo aber auch fallen mußte, der doch von Alexandrija aus hätte in Urlaub fahren können! Nichts hat mich so erschüttert wie Leos Tod.
Die Zeit habe ich hier einigermaßen angenehm ausnutzen können, indem ich ein bißchen Englisch gelernt habe, und mit Hilfe einer guten Bibliothek. Ich las u. a. Dostojewskis „Die Erniedrigten und Beleidigten”, wobei mich aber die starke Sentimentalität sehr störte. Leider war kein späterer Roman von ihm dabei.
Nun wünsche ich Dir, daß Deine Füße wieder völlig in Ordnung kommen und daß Du auch in Dein Heimatlazarett verlegt wirst.
Ich grüße Dich herzlichst
Dein Josef.