Alfred Kirchhoff an Gisbert Kranz, 20. Februar 1942
Im Osten, den 20.II.42.
Lieber Christel!
Altes Haus! Endlich höre ich Deine Stimme. Ich hatte zuletzt geschreiben, aber Du schweigst. Schuld mag ja auch die Feldpost haben. Wie es auch sei. Ave! Blaugoldblau hält die Stellung. Reichen wir uns die hand; denn wir beide atmen Laz. Luft. Du als Kranker - ich als Sanitätsdienstgrad. Ja so ist es. Was ich in diesen Wochen und Monaten erlebte ist kaum glaubhaft. Tag und Tag, der Sonntag oder Feiertag, Weihnachten oder Silvester - immer dasselbe Bild - Verwundete Sterbende und nochmals Verwundete. Mehrere Wochen waren wir das erste Feldlaz. an der Front. Schauten wir aus dem Fenster, dann sahen wir die deutsche Stellung. Öfter waren wird dem russ. Artelleriefeuer ausgesetzt. Sie sandten immer ihre Grüße zu uns. Einmal mußten wir
fluchtartig das Laz. verlassen. Lugen, Tschudowo, Tischwin, Grusino, der Malcho, das waren so unsere Aufenthaltsorte. Das ist nur alles leicht und in kurzen Worten dahingeschrieben. Dahinter aber steht eine Welt voller Opfer, Elend und Trauer. Aber wir können es auch nicht ändern. Und warum immer denken, einmal muß es auch doch Frühling werden. Der Kälte waren wir ja nicht so ausgesetzt. Das ist das Schöne, wenn man bei einem Feldlaz. ist. Aber ich kann Dir sagen, man wird es leid bis zur Decke hin. Wo man ist, alles Scheiße. Aber mit Humor kommt uns alles leichter vor. Ob es stürmt oder schneit - immer nur lächeln. Wir kommen doch noch mal nach Ippendorf zur Tante Chlara. Rauschende Feste werden das. Und Du hast erfrorene Füße. I. aber II. oder III. [..]? Medizinisch muß ich das genau wissen. Hoffe doch nur II. [..]. Erfrierungen
habe ich genug gesehen. Habe die Nase voll. Die Adventsgedanken habe ich gelesen und mich ganz in Kiel hineingewickelt. Am Schluß habe ich weiterphantasiert und habe alles auf „de [..]” gelegt. O, möge Gott sein Leben behüten, ich möchte ihn nochmal hören. Mit Liever stehe ich im regen Briefverkehr. Das gibt mir sehr viel, und ich freue mich immer auf seine Zeilen. Mit dem Kutscher ist das nicht so. Er schreibt ja nur per Maschine sogar seine Unterschrift. Kann man es von einem Kutscher anders erwarten? Von den anderen Bundesbrüdern höre ich nichts. Die sind alle schreibfaul. Da ich das Prinzip habe, immer alle Post zu beantworten, sonst werfe ich keine Post fort, auch dann nicht, wenn es die einfachste Karte ist, so soll mir nur später keiner kommen und sagen, du hast nicht geschrieben. Meine Adresse hat sich nicht geändert 10128. Puix schreibt nicht, warum? Ich weiß es nicht.
Nun habe ich einen [..] Rebendurst. Ich könnte 10 Liter Bier trinken. Aber Scheiße! Die Leitung reicht bis Leningrad nicht. Wir liegen kurz vor Leningrad und hoffen diese Stadt auch noch besichtigen zu können. So verbringen wir dürstend unsere Tage und hoffen auf den Frühling, der uns neue Hoffnung bringt in Beziehung auf Urlaub. Aber immer nur warten die Menschen, die wirklich - - Urlaub verdient haben. Hoffentlich hast Du mehr Glück damit.
So will ich dann für heute schließen und sie mit allem Gruß gegrüßt, indem ich jetzt mit meiner Faust auf den Tisch klopfe. Staunen wirst Du ja, daß ich schon drei Tage habe - aber noch nicht abgesessen.
Also mit herzlichen Grüßen
Dein Flaps