Willi Scholten an Gisbert Kranz, 3. Mai 1942

Willi Scholten
22 geb. in Essen
Neudeutscher

 

Essen, den 3. Mai 1942.

Lieber Gisbert!

Für Deinen lb. Brief vom 5.4. herzlichen Dank.

Ich hatte gehofft, Du wärest eher zuhause im Genesungsurlaub gewesen, als ein Brief von mir Dich erreicht hätte. Daraus ist ja leider nichts geworden; aber es wird hoffentlich bald wahr werden.

Ich will Dir nun näher schreiben, wie es mir bis jetzt ergangen ist. - Seit 2 Jahren bin ich nun schon bei der Stadtverwaltung. In einem Jahr habe ich - nach den Ausbildungsrichtlinien - meinen Vorbereitungsdienst beendet. ½ Jahr war ich in der Steuerkasse E.-Rellinghausen, 1 ½ Jahr war ich im Städt. Jugendamt tätig. Über die behördliche Jugendfürsorgearbeit habe ich also einen ziemlich genauen Überblick gewonnen. Es gibt 3 Abtlg. dort: 1) Amtsvormundschaft 2) Erziehungsfürsorge 3) Pflegekinderwesen. Viel Schönes habe ich dort nicht zu sehen und hören bekommen, aber ich habe dennoch gerne dort gearbeitet. Leider hat sich die Arbeit infolge des Krieges so sehr vermehrt, dass man die einzelnen Fälle unmöglich so intensiv bearbeiten kann, wie man gerne möchte. Es war daher eine Erholung, als ich vor 4 Wochen zum Personalamt auf das Rathaus versetzt wurde. Hier muss man sich vor allem an ein ruhigeres Tempo gewöhnen.

Im übrigen wird einem das Vorwärtskommen jetzt nicht erleichtert; aber mit dem Militär wird es vorläufig wohl nichts geben. Um geistig nicht vollständig auf dem Trockenen zu liegen, besuche ich die Verwaltungs- u.

Wirtschaftsakademie. Der Betrieb ist ungefähr der gleiche wie in einer Hochschule. Man hört Vorlesungen über Bürgerliches Recht, Öffentliches Recht-, Staats- Verwaltungs- u. Kommunalrecht, Handelsrecht, Volkswirtschaftslehre usw. Nach frühestens 6 Semestern kann man sein Verwaltungsdiplom machen.

Sonst ist es hier in der Heimat still geworden. Schul- oder Klassenkameraden sieht man kaum. Werner Vogt ist ja auch schon länger beim Militär und vor kurzem ausgerückt. Ich werde mich nach seiner Adresse erkundigen und sie Dir - wenn Du sie nicht kennst - mitteilen. Von Hans Wienands habe ich lange nichts gehört.

Für heute grüsst Dich recht herzlich und wünscht Dir recht baldige vollständige Genesung und Genesungsurlaub
Dein Willi. (Scholten)