Alfred Kirchhoff an Gisbert Kranz, 19. Juli 1942

Im Osten, den 19. Juli 42.

Mein lieber Christel!

Was fällt Dir eigentlich ein? Dein letztes Lebenszeichen ist die Karte aus Bonn vom 18.5., die ich mit Dank erhielt. Besoffen muß Du auch da gewesen sein; denn sie ist frankiert! Feldpost und frankiert - gibt's denn sowas auch? Oder sollte das eine [..] sein? Mir geht es sehr gut. Schon zwei Monate liegen wir in Ruhe und tuen nichts. Den Norden haben wir verlassen und sind zum Süden gezogen. Das erste Ziel war Kiew. Hier haben wir drei Wochen in Freuden gelebt. Carmen - Traviata - [..] - Schwanensee - Pique Dame - Das waren die Vorstellungen, die Flaps besuchte. Tagsüber

lagen wir an [..] und abends ging es zur lustigen Witwe. Ich habe gestaunt über die guten Kräfte und über die große Aufmachung. Nachdem wir hier drei Wochen eine Gastspielrolle gaben wanderten wir weiter 400 km zum Süden und liegen jetzt in Dnjepropetrowsk. Es ist eineIndustriestadt, wir aber liegen am Rade der Stadt, dort wo die Kirschbäume stehen. Die Ukraine nämlich ist ein reiches Land. In Kiew füllte ich meinen Magen täglich mit Erdbeeren. Hier beliebe ich in die Bäume zu klettern. Komme mir zwar vor wie ein Affe, bin - es sei zur Beruhigung gesagt - aber keiner - wenigstens noch nicht.

So, nun laß mal von Dir hören und beantworte meine Zeilen nicht mit ein paar passende Worte per Postkarte. Sei gegrüßt viel tausendmal!
Dein Flaps.