Mutter Weise an Gisbert Kranz, 24. Januar 1944
Essen-Steele, den 24./1.44.
Werter Herr Kranz!
Für Ihre trostreichen Worte beim Heimgange unseres Sohnes Herbert sagen wir Ihnen unseren besten Dank. Wir können es selbst noch kaum fassen, daß unser lieber Junge, der so voller Talent & hoher Ideale ins Leben strebte & noch während seiner Krankheit immer studierte, komponierte & weiterlernte, uns so früh verlassen mußte.
Seit Juli 42 war er im Lazarett mit Lungentuberkulose, dazu kam im Febr. 43 eine schwere, unheilbare Darmtuberkulose, sodaß er seit März dauernd mit Fieber zu Bett liegen mußte. Im Mai erhielten wir von den Ärzten den Bescheid, daß eine Aussicht auf Heilung nicht mehr vorhanden sei. Im Sept-Okt. waren wir 3 Wochen bei ihm, und da ruhte er nicht eher, bis wir ihn mit nach Hause nahmen. Wir hatten ein Auto kommen lassen, da er eine Bahnfahrt mit Umsteigen ja garnicht ausgehalten hätte. Nun war seine feste Hoffnung, daß zu Hause eine Besserung eintreten würde. Ich habe ihn noch fast 10 Wochen gepflegt, aber es war alles vergebens, es wurde immer schlimmer, sodaß er dann kurz vor Weihnachten, auf das er sich noch sehr gefreut hatte, nach qualvollem Leiden & nach 25 std. hartem Todeskampf seine Augen für immer schloß. Zuletzt war auch der Kehlkopf noch erkrankt, daß er nur im Flüsterton reden konnte, die letzte Woche nichts mehr essen konnte, nur etwas trinken.
Er hat schwer leiden müssen, & große Schmerzen ertragen, doch nie kam ein Wort der Klage über seine Lippen, nie sprach er von sich & seiner Krankheit!
Ihre weiteren Worte, die ein so tiefes Verständnis für Herberts Eigenart zeigen, haben uns tief berührt und wir danken Ihnen dafür ganz besonders. Sie haben recht, daß ihm gerade aus seiner Einsamkeit die reichen Kräfte erwuchsen, die nun leider nie mehr zur Entfaltung kommen können. Er hat mir dies auch öfters bei unsern langen Gesprächen im Lazarett bestätigt und gemeint, es hätte wohl eben doch alles so sein müssen, sonst wäre er nicht der geworden, der er nun war! Mehrere Male sprach er auch von einigen Klassenkameraden & erwähnte Sie dabei stets, er hätte gern gewußt „wo Sie eigentlich stecken”, wie er sagte.
So tief unser Schmerz ist und wir wohl nie über diesen schweren Verlust wegkommen werden, so wollen wir ihn doch nach seinem unsagbaren Leiden die Ruhe gönnen!
Mit nochmals bestem Dank für Ihre Anteilnahme grüßen wir Sie, mit den besten Wünschen für Ihre Zukunft!
Frau E. Weise & Gatte.