Ferdinand Frölich an Gisbert Kranz, 20. Juli 1943

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am 20.7.43

Lieber Freund!

Von meinen Eindrücken an der Front schrieb ich Dir schon. Ist doch das Schaffen eines Frontoffiziers in seiner Eigenschaft als Führer so grundverschieden von dem Leben, das ich als Gefreiter und M.-G.-Schtz im vorigen Jahr geführt habe. Man steht plötzlich, fast zu schnell, vor Aufgaben, die man bisher nur ahnen konnte. Führen, wieviel verbirgt sich unter diesem Begriff! Was sind die leeren Weisheiten der Waffenschule gegen diese Tatsachen? Die Aufgaben sind oft schwerer, als man es sich vorgestellt hat, aber man darf auch stolz sein, wenn man fühlt, dass man ihnen gewachsen ist. Erst jetzt

in der Praxis, in der rauhen Wirklichkeit erfuhr ich, wie reichhaltig und weitverzweigt die Aufgaben für einen sind, der sie ernst nimmt. Das letzte ist dabei allerdings maßgebend. Im Kampf die ihm anvertrauten Männer zu führen, ist noch eine der leichtesten, wenn auch schönsten Aufgaben. Aber es gab Schweres für mich als jungen und noch unerfahrenen Offizier, und wenn diese Augenblicke an mich herantraten, habe ich oftmals im ersten Moment kapitulieren wollen. Du wirst mich eher verstehen, Gisbert, wenn ich Dir sage, dass ich selbst einer der Jüngsten in meinem Zug bin, was mich natürlich nicht zu Minderwertigkeitsgefühlen verleitet. Aber da ich sehr schnell, ich darf es wohl ohne Prahlerei sagen, das Vertrauen

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meiner bis zu 15 Jahren älteren Männer erworben hatte, traten auch schlagartig die Schwierigkeiten in Form von intimen Fragen ein, die den einen oder anderen bedrückten und die in die verschiedensten Richtungen liefen. Dass ich allen helfen konnte, zeugt davon, dass ich es geschafft habe. Und das macht mich etwas stolz. Vielleicht kam mir da ein Zufall zur Hilfe, den ich Dir nicht verschweigen will.

Mein Unf, in punkto Führung hervorragend und im Einsatz äusserst tapfer, ist im übrigen nach seinen Worten genau das Gegenteil von mir. Du weisst selbst zu genau, Gisbert, wie ich bin. Er war ehemals Jesuit, ist dann ausgetreten und war noch im letzten Friedensjahr einer der grössten öffentlichen Verfechter der

Anti-Rom-Richtung. Seine rhetorischen Fähigkeiten und sein Bildungsstand sind, eben durch die Schule der Jesuiten, hervorragend, wie er auch oft bewiesen hat. Aber - aus Prinzip will er in den Männern zuerst die schlechten Seiten sehen und erst nach und nach lässt er bei dem einzelnen auch die guten Eigenschaften gelten. Jeder Umgang mit ihm ist gespickt mit Ironie, er ist unnachgiebig streng und deshalb zittern die Männer schon, wenn sie nur seinen Namen hören. Äusserst listig und verschlagen wie er ist, versucht er jeden reinzulegen.

Nur uns gegenüber ist er anders. Daran mag es vielleicht liegen, Gisbert, dass mir solche, an und für sich doch Lebenserfahrung fordernden Aufgaben in den Schoss fallen. Heute

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bin ich froh darüber. Bis jetzt habe ich doch, wie Du selbst wissen wirst, sorglos noch gelebt. Es war kein Schaden, aber jetzt bin ich froh darüber, dass der derzeitige Beruf mich aus diese Träumereien herausgerissen hat.

Mir gegenüber greift der Unf mit keiner Silbe meine Überzeugung an. Er sagte nur, dass er erst als Kleriker zu einer andern Überzeugung gekommen ist. Aber er kann es nicht vertragen, wenn man ihn darüber ausfragen will. Dies gibt mir den Beweis, dass ihm dieser Lagerwechsel unruhig gemacht hat, oder, wenn er es vorher schon war, dann hat er auch jetzt die Ruhe nicht gefunden.

Im Off.-Korps hier bin ich der einzige Katholik. Aber ich finde es sehr richtig, dass diese Fragen nie

berührt werden. Rein menschlich gesehen sind tadellose Kerle darunter, von denen ich noch vieles lernen kann.

Meine grösste Sorge gilt zur Zeit unserer Zukunft, Gisbert. Nicht, dass ich mich vor ihr fürchte, nein, es liegt noch alles so im Ungewissen. Wenn wir nicht unser Gottvertrauen hätten, vielleicht würden wir manchmal zweifeln. Aber so können wir uns darin stärken und es wird einmal nichts umsonst gewesen sein. -

Du wirst jetzt schon in Frankreich sein, und deshalb schicke ich den Brief über den sichersten Weg, über Steele.

Im Juni habe ich mal eine kleine Verwundung gehabt, die aber schon wieder ausgeheilt ist. Und zur Zeit

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liege ich im Lazarett mit Gelbsucht. Aber ich denke, in acht Tagen werde ich wieder abschwirren können. Schreibe daher weiter unter 33248.

Bestelle Deinen Eltern von mir doch bitte Grüsse. Ich habe furchtbar wenig Zeit zum Schreiben.

In alter Freundschaft wünsche ich Dir alles Gute
Dein Ferdi.