Albert Schümmer an Gisbert Kranz, 24. August 1943

Bonn 24.8.43

Lieber Gisbert!

Dein Brief war mir eine unerwartete Überraschung - noch mehr aber die beiden eingelegten Sonette. -

Du hast damit schon Recht; es ist etwas ganz Seltenes und Schönes, heute noch vom Geist Leben und Kraft empfangen zu dürfen; und diesen Genuss habe ich mir nicht verderben lassen von der abstracten Mechanik unseres Bonner Studienganges - obwohl das nicht

immer leicht ist. In diesem Semester bin ich nun allerdings auf schmale Kost gesetzt worden; denn es gibt den Introitus nun vorzubereiten. Dennoch - auch das Pauken hat seinen Gewinn und Nutzen!

Nun aber zu Deinem Sonett! Darf ich Dir meine Meinung darüber offen schreiben? - Beide Sonette haben eine sprachlich feine und tadellose Form; sie sind dem Empfinden darin ein Genuss. Was aber den Inhalt anbetrifft; so finde ich sie sehr verschieden.

Die „Zuversicht” klingt mir nicht ganz echt; zuviel Worte; zu stark gebildet und künstlich geprägt, um noch Ausdruck eines so reinen und echten Gefühles zu sein - wie Du es darin voraussetzt. Glaubst Du, dass dies Gebet sein könnte? Gebet eines Menschen aus unserer Not heraus; verzweifeltes Suchen nach einem Sinn? Bei Deinen Worten hat man nicht den Eindruck, dass sich da eine eigentl. seelische Bewegung vollzieht - die Worte ruhen doch noch irgendwie im Gedanklichen und in der sprachl.

Form. Dagegen überzeugt mich das Sonett über die Angst mehr. Es ist tiefer durchdacht und echter in der Empfindung; allein wohl schon dadurch, dass dieses Gedicht im Unterschied zu dem anderen „offener” ist - es sucht keine Antwort - sondern spricht nur von der Empfindung und lässt die Frage nach dem Sinn noch offen. -

Anbei sende ich Dir einige von Reinhold Schneiders ungedruckten „Sonetten” - vielleicht aber kennst Du dieselben auch schon? Manches in Deinen Versen erinnert mich

in Klang und Gehalt ein wenig an diese Form.

Aber auch den Sonetten von Schneider kann ich nicht ganz zustimmen. Die religiöse und mystische Tiefe seiner Gedanken bedeutet dennoch ein Verlust an Lebendigkeit und Fülle der ungehemmten Empfindungen. Kann diese Dichtung zum Gebet werden?

Ich glaube Goethe sagt mit seinem kurzen Vers: z. B. „Der Du von den Himmeln bist” - dem Menschen tieferes und

mehr als alle diese Sonette. Es ist kein Gedanke, der die Einfachheit einer gesunden Klassik erreichen könnte. Ich glaube, dass auch wir uns noch viel mehr mit Goethe befreunden sollten - anstatt mit so manchem Dichter unserer Gegenwart, der doch immer irgendwie „actuell” bleiben muss gegenüber dem Wahren der Vergangenheit.

Nun Schluss für heute; denn es liegt noch Arbeit vor mir. Schreib einmal wieder - und sende ruhig weitere Gedichte oder Versuche.

Frohen Gruss! Albert