Pfarrer Ladenkemper an Gisbert Kranz, 24. Oktober 1943

Wanne Eickel, den 24. Okt. 1943.

Mein lieber Herr Uffz. Gisbert Kranz!

Den Schreiber dieses Briefes werden Sie sicher noch kennen, wenn Sie an den R.A.D. in Biesdorf denken, wo ich in dem Hause gegenüber Rektor war. Als Sie in Paderborn waren, habe ich Ihnen mal geschrieben, seit der Zeit aber hatte ich nichts mehr von Ihnen gehört. Als ich am vergangenen Donnerstag zu meiner Tante nach Überruhr war, da habe ich Ihre Eltern aufgesucht, um zu erfahren, ob Sie noch zu den Lebenden gehören. Man konnte mir die besten Nachrichten geben. Gewiss, seit den geistigen Kämpfen in Biesdorf haben sie manche andere Schlachten mitmachen müssen, doch Sie sind noch am Leben und werden es auch wohl bleiben, um dann später die anderen Schlachten zu schlagen. Wie man mir sagte, ist Ihr Beruf noch keineswegs ins Wanken gekommen. Das freut mich besonders, denn es werden späterhin grosse Lücken in unseren Reihen eintreten. Wie Sie in Biesdorf und an der Front Ihren ganzen Mann gestellt haben, so werden Sie es auch sicherlich später tun. Zum Uffz. haben Sie es schon gebracht und bald werden Sie Offizier, ein Zeichen, dass man Ihr Wissen und Können erkannt hat. Und nun gehören Sie sogar zu dem Regiment „Feldherrnhalle”! Dazu gehören doch nur Auserwählte. Glückauf! - stimmt nicht -

Vor einigen Wochen sind Sie noch zu Hause gewesen. Schade, dass ich es nicht wusste, sonst hätte ich Sie mal in Steele aufgesucht. Seit gut einem Jahr bin ich in Wanne Eickel, wo unser Haus als Altersheim eingerichtet worden ist. Die Leitung habe ich, ebenso die schriftlichen Arbeiten. Wegen der Fliegerangriffe haben wir schon 19 alte Leute ausquartiert in die Nähe von Heidelberg, wir haben aber jetzt wieder über 20 hier. Schwestern aus Hiltrup besorgen die Pflege und den Haushalt. Vier Schwestern sind bei den alten Leuten in Heidelberg.

Unser Haus in Biesdorf wurde am 2. Nov. 1939 bis zum 10 Mai 1940 mit 1 Bataillon belegt. Alsdann wurde es ganz genommen als Aufbauschule, die auch jetzt noch darin ist. Ich habe zwei Jahre allein bei dem Bauer gewohnt und habe den Dienst in Biesdorf, Roth und Gentingen gehalten. Im Sept. vergangenen Jahres kam ich als Rektor nach hier. P. Dr. Adams wurde anfangs 1941 zum Militär eingezogen, P. Tries im vergangenen Jahre im Februar und liegt in Essen. Wenn er keinen Bereitschaftsdienst hat, kann er jeden Abend nach Hause gehen, er ist beim Kraftfahrpark auf dem Büro tätig und hat somit eine angenehme Stelle. - Diesen Monat werde ich auch noch wohl zur Musterung müssen, vielleicht werde ich auch noch Soldat.

Unser Haus ist schon dreimal beschädigt worden durch Fliegerangriffe. Aufs Haus sind noch keine Bomben gefallen, sie fielen alle in der Nähe. Beim letzten Angriff am 29. Sept. hat unser Stadtteil nichts mitbekommen. Man lebt doch immer in der Angst bei den Angriffen. Hoffentlich beschützen uns unsere Patrone immer so gut. Wir wollen hoffen und beten, dass diese furchtbare Morden und Zerstören bald ein Ende nimmt. Im Gebete und am Altare denke ich an Sie.

Mit den herzlichsten Grüssen verbleibe ich
Ihr stets erg.
P. Lodenkemper