Josef Breuer an Gisbert Kranz, 13. Dezember 1943
Berlin, den 13. Dezemer 43.
Lieber Gisbert!
Deine beiden Briefe vom 10.XI. u. 24.XI. sind richtig bei mir eingetrudelt. Hoffentlich haben Dir auch Deine Kameraden den meinen nachgeschickt.
Ich sitze nun hier in meiner Würde; seit 5 Stunden habe ich die Ehre, dem Unteroffizierskorps anzugehören. Ist so etwas je erhört worden, solange es einen preußischen Kommiß gibt: Ein großer Haufen ist befördert worden, für jeden ist ein halber Liter Schnaps da, aber ... er darf nicht getrunken werden, solange wir an der Schule sind. So kommt es, daß ich trotz des großen Tages trocken dasitze, Prohibition beim Kommiß! Na, ich bin ja nicht der Unglücklichste dabei.
Etwas anderes beschäftigt mich für die nächsten drei Tage viel mehr: Wo liegt die neue Stätte meines Wirkens? Am Freitag fahre ich los, aber meinst Du, es wäre irgendein Sterbenswörtchen herauszubekommen, wohin ich versetzt werde? Wenn dieser Brief Dich erreicht, habe ich mich dort schon umgesehen.
Als Abschiedsabend wird übermorgen etwas Weihnachtsfeierähnliches aufgezogen. Ich bin aktiv daran beteiligt; da fällt mir wieder die Szene ein, als uns bei der 5. Genesungskomp. in der Gudrunschule der Spieß beim „Literaturstündchen” überraschte.
Der Abschied von Berlin wird mir wirklich leicht, denn es ist faktisch nichts mehr los gewesen. Die Theater beginnen wegen der Fliegergefahr schon um 15 Uhr, daher habe ich keine einzige Vorstellung mehr erleben können. Auch sonst ist Berlin ab 19 Uhr eine tote Stadt. In der Friedrichstraße sah ich gestern einige Schutthaufen immer noch brennen, vierzehn Tage nach dem Angriff! Seitdem war es
vollkommen ruhig; sogar das erscheint beinahe unheimlich. Hoffentlich geht es auch die drei letzten Tage noch gut! Zuletzt hat's noch die Kirche, die ich hier besuchte, schwer erwischt und noch eine Menge anderer.
Du, ich freue mich, daß Du so versetzt worden bist. Denn bei Sonderhaufen kommt man immer eher zu was als auf dem alten ausgetretenen überfüllten Weg. Ich halt' Dir beide Daumen, daß es Dir zum Frühjahr klappt, daß nun endlich kein Kamel mehr daherkommt, das das Gras, welches mit der Zeit über allem wächst, wieder wegfrißt. Hast Du keine Angst vor den praktisch-technischen Anforderungen, die nun an Dich herantreten werden? Daß es bei den Pionieren sehr interessant ist, glaube ich Dir gerne.
Ich wünsche Dir, daß Du zum Weihnachtsfest trotz der neuen Spannung auf das erstrebte Ziel und unruhigen Ablenkung, die dadurch hervorgerufen werden muß, einige Stunden der Lösung von dieser „Welt” findest zur inneren, segensreichen Feier. Manchmal habe ich Augenblicke, wo ich mit erstaunten Augen, als ob ich aus einem Schlaf erwachte, auf dies so sinnlos erscheinende Treiben schaue und - darüber lächle. Auch mir kannst Du zur Feier der Weihnacht nichts Schöneres wünschen als solche Stunden des Sichwiederfindens, eines Bades der Seele; danach sehne ich mich mehr als nach dem Weihnachtsurlaub, den ich wohl sowieso nicht bekomme. Ja, diesmal bin ich Weihnachten völlig allein, ohne Post (infolge meiner Versetzung), unter ganz fremden Menschen! Dann mögen wenigstens unsere Gedanken sich zusammenfinden O. P. J. Es grüßt Dich herzlich
Dein Jupp!